SISTER SIN

Västra Götaland Län (Sweden), Livestream, 13.06.2020


Es war lange vorher angekündigt, die totgeglaubten Sister Sin spielen die Sommerfestivals 2020. Doch dann hatte ein bekanntes Virus was dagegen und weil so ziemlich alle Regierungen auf diesem Globus, im Rahmen der Abspulung ihrer Eindämmungsmaßnahmen, besuchte Konzerte vom Plan strichen, haben sich auch unsere wiedervereinigten Sister Sin umentschieden. Statt auf einer Konzertbühne wird daheim im Livestream gezockt. “Besser als nichts” sagt Frontfrau Liv dazu. Und beinahe sah es erst so aus, als würde auch das nicht hinhauen. Denn eine technischen Panne verhinderte es, zur angekündigten Zeit direkt live ins Netz zu zocken. Doch das klappte dann erst einen Tag später. Hat vielleicht auch für die Band den unbestrittenen Vorteil, selbst mitschauen zu können, haha.

Nach einer fünfjährigen Abstinenz fallen bei der Band sofort einige Neuigkeiten auf. Zuerst zu nennen ist der zweite Gitarrist Fredrik Jordanius, der vielleicht noch von Lake Of Tears bekannt ist. Sister Sin treten nun als Quintett auf und der Mann im King Diamond Shirt entlastet den mit Riffs, Leads und Soli überbeschäftigten Jimmy. Außerdem frontet Liv heute nicht im Kleid oder Rock, sondern mal in Hosen. Und man beginnt mit einem Cover, nämlich “24/7”. Der Originalmannschaft U.D.O. haben sie viel zu verdanken, produzierte Platten und gemeinsame Touren, wo sie auch diesen Song spielen durften. Der Fünfer hat sichtlich Spaß in den Backen, allen voran die ein paar Tage zuvor Geburtstag feiernde Liv. Insgesamt mit etwas weniger Action als von ihnen gewohnt, wie bislang in jedem Coronazeit-Proberaumstream, zeigt man sich aber noch immer sehr agil, als Basser Strandh und Gitarrist Fredrik mal ihre Seiten tauschen. Wie geil auch immer Jimmy’s Soli sitzen und wie fett es jetzt dahinter brät, Dank der zweiten Gitarre.


Dennoch stimmt irgendwas nicht. Erst nach einer Zeit fällt auf, dass hinter der Band nur Amps positioniert sind, und nicht Drummer Dave. Der jedoch wird immer wieder extra von einer Kamera eingeblendet, weil sein Kit rehearsalmäßig vis a vis der Band steht. Auch nach fünf Jahren kann ein bislang noch nicht gespielter Song überraschen. “Running Low” vom “Now And Forever” Album macht eine schlanke Figur. Überhaupt wurden für die Setlist nur die derbsten Songs gewählt, mit Ausnahme vom sphärischen “Desert Queen”. Dann hat Liv, die keine Gelegenheit eines Kommentars zur hohen Temperatur im Raum auslässt, die Growls für sich entdeckt, die aber nur situationsgerecht in verschiedenen Parts als uncleane Shouts auftauchen. Das macht besonders in “Hearts Of Cold” Laune, hoffentlich behält sie das in Zukunft so bei. Im Anschluss zeigt sich “Better Than Them” als großartige Wahl aus dem Fundus ihrer harten Frühsongs. Das knallt mal richtig. Findet auch Liv, die es danach mit einem deutlichen “nice one!” quittiert. Mit einem Dank an die Crew wird der Bogen zum von vielen erwarteten “One Out Of Ten” gespannt, wieder mit voluminösen Backings von Jimmy und Strandh. Letzterer feuert auch die Fans an, die im Proberaum gar nicht anwesend sind. Wie geil auch die Chöre sitzen war schon die ganze Zeit zu bemerken, aber in “One Out Of Ten” kannste echt ne Gänsehaut kriegen. Überhaupt gebührt dem Soundmann großes Lob, der diese harmoniesierende Roheit aller Eingänge als Ganzes hervorstellt, dass das Flair eines Clubkonzerts entsteht. Danach geht es mit “Sail North” und dem “Fight Song” schon gegen Ende zu. Schließlich wird mit Intro aus dem Back die Finalnummer “Food For Worms” eröffnet, bei der man die Hitze im Raum erahnen kann.


Ja gut, es wurden zwar nur dreizehn Songs gezockt, aber irgendwelche Erwarteten fehlen ja immer. Diesmal waren es der Knaller “On Parole”, der Nackenbrecher “Hostile Violent” und die Gesichtsklatsche “Love/Hate”. Auch “Let Me Out” musste zu Gunsten eines härteren Programms fernbleiben, aber leider auch das punchigere “End Of The Line”. Doch jedes ihrer letzten vier Alben wurde berücksichtigt (das ganz frühe “Dance Of The Wicked” wird gern ausgeklammert), und die Schweden haben nun mal schon so viele Pflichtsongs, dass für eine Stunde Show eben einige wegfallen müssen. Wir wurden daheim Zeuge einer sehr kurzweiligen Angelegenheit, in der es amtlich geknallt und gescheppert hat. Für schwedische Verhältnisse tatsächlich wie angekündigt mehr “raw and mean”, denn die Melodien traten zu Gunsten der Roughness zurück. Das hätte in der jetzigen Verfassung der Band auf den Sommerfestivals vor Publikum mächtig durchgeschlagen. Aber ohne wirklich zu wissen, wie es um die Zukunft des Livesektors weltweit bestellt ist, hoffen wir alle auf ein intensives 2021 und so werden die Bangerschaften zu Hause vor den Rechnern erstmal auf nächstes Jahr vertröstet. Aber nach diesem Internetauftritt sollte jedem klar sein, da kommt noch was Gewaltiges!

Tracklist:
01  24/7
02  True Sound Of The Underground
03  Outrage
04  Chaos Royale
05  Running Low
06  Heading For Hell
07  Desert Queen
08  Hearts Of Cold
09  Better Than Them
10  One Out Of Ten
11  Sail North
12  Fight Song
13  Food For Worms

Autor & Screenshots: Joxe Schaefer