SANHEDRIN – heat lightning

Im zehnten Jahr seines Bestehens veröffentlicht das aus Brooklyn stammende Trio dieser Tage sein viertes Album, welches von der vor allem europäischen Fanbase sehnlichst erwartet wird. Bereits sämtliche Vorgänger überzeugten von der ersten Note an und zeigten eine gewisse Weiterentwicklung, die mit dem 2022er Album „Lights On“ einen vorläufigen Höhepunkt fand. Grob lässt sich die Musik von Sanhedrin als einen Mix aus klassischem Hardrock und Heavy Metal beschreiben. Klingt zunächst unspektakulär. Wie so oft sind es aber die Ingredienzien, die dieses „One Pot Gericht“ äußerst schmackhaft machen. Und das völlig ohne Geschmacksverstärker wie „Post“/“Okkult“-irgendwas oder anderen stilistischen Wirrungen. Es sollte von Anfang an eine reine Heavy Metal Platte werden. Und um es vorweg zu nehmen: Das ist es auch geworden!

Die Band um Frontfrau Erica Stoltz schien ihre Formel gefunden zu haben. Mit „Heat Lightning“ (deutsch: Hitzeblitze) wollte man sich bewusst aus der Komfortzone heraus bewegen. Ein neuer Produzent (Matt Brown), ein anderes Studio (Utopia Bearsville Studio, Woodstock, NY) sollten bei diesem Vorhaben helfen, die neuen Kompositionen knackiger und aggressiver zu machen. Gleichzeitig sollte der Aufnahmeprozess auch für die Band selbst interessanter werden. Waren die ersten beiden geschriebenen Stücke („Blind Wolf“ und High Threshold Of Pain“) laut bandeigenen Aussagen schon sehr gegensätzlich, sollte das übrige Material ebenfalls unterschiedlich ausfallen.

Nach unzähligen Durchläufen in den letzten Wochen kann man nur attestieren, dass das Vorhaben geglückt und auch Album Numero vier ein weiterer Volltreffer geworden ist. Zieht man die Vorgänger zum Vergleich ran, wird man feststellen, dass Sanhedrin schon immer eine gewisse stilistische Vielfalt im Songwriting hatten,  ohne in anderen Genres zu wildern. Und genau hier kommen die „Ingredienzien“ zum Tragen: Ericas mal kraftvolle, mal zerbrechliche Stimme, selbstredend ihr untermauerndes Bass-Spiel, Jeremys (Sosville) virtuelles Gitarrenspiel und nicht zuletzt Nathans (Honor) gekonnte Drumfills, die die einzelnen Elemente geschickt zusammen halten. Garniert natürlich mit Melodien wie sie nur die New Yorker schreiben können. Daran wurde also schon mal nichts geändert.

Der Opener und erste Single-Auskopplung „Blind Wolf“ wurde also als erstes komponiert und ist ein geradezu klassisches Eröffnungsstück. Auch der Titelsong ist auf jeden Fall als bandtypisch zu bezeichnen und sehr melodisch ausgefallen. Er beinhaltet exakt das, wofür Sanhedrin stehen. Er beginnt recht ruhig, wächst zunehmend und gerät zu einem unwiderstehlichen Ohrwurm. Die Abrechnung mit Elon Musk und Konsorten in „Above The Law“ ist dagegen aus einem ganz anderem Holz geschnitzt. Thematisch passend ist der Song sehr aggressiv und recht simpel gehalten, und kommt zudem sogar ein wenig punkig daher. Erica klingt hier regelrecht angepisst. Die Gangshouts im Refrain verfehlen ihre Wirkung nicht und man kann sich gut die Publikumsreaktionen bei einem Konzert vorstellen.

‚„The Fight For Your Life“ ist dann wieder typischer und melodiöser. Erica singt hier einmal mehr sehr eindringlich. Die Zeile „…man what are you doing with your knife“ geht einem nicht mehr aus dem Kopf. Was auch immer mit dem Text gemeint ist … und warum wird aus dem Buttermesser später eine Axt? „King Of  Tides“ handelt von englischen Auswanderern, die mit ihrem Schiff in ihrer neuen Heimat angekommen sind, und nicht wissen, was sie dort erwartet. Entsprechend düster, beinahe doomig ist die Musik dazu geworden. Ein starkes Gitarrensolo von Jeremy bildet den krönenden Abschluss und hegt den Wunsch, diesen Song auch einmal live erleben zu dürfen. Um der Abwechslung Genüge zu tun, wird bei „Franklin County Line“ das Gaspedal erneut bis zum Anschlag durchgedrückt. Von Punk kann hier keine Rede sein, eher von Speed Metal. Langsamer, aber doch treibend, geht es mit „Let’s Spill Some Blood“ weiter. Erica singt hier geradezu anklagend: „What you reap – is what you saw“. Zum Abschluss gibt es erneut ein sehr ausdruckstarkes Gitarrensolo von Jeremy. Sein Gitarrenspiel kann man nicht oft genug würdigen.

„High Threshold For Pain“ ist übrigens der zweite Song, der für „Heatlightning“ komponiert wurde und bildet quasi den Gegenpol zum typischen Albumopener „Blind Wolf“. Obwohl man unter einer Laufzeit von vier Minuten bleibt, passiert hier eine ganze Menge mit unterschiedlichen Stimmungen. Das abschließende „When The Will Becomes The Chain“ treibt das Ganze mit einer beinah doppelten Laufzeit gar auf die Spitze. Man könnte auch einen Vergleich zu einem guten Rush-Song ziehen: Komplex, aber eingängig. Den Refrain vergisst man jedenfalls nicht so schnell. Das Plus an Laufzeit gibt den Instrumenten und den einzelnen Parts mehr Raum zur Entfaltung. Zum Ende hin wird das Gitarrenspiel langsam ausgefadet.

Trotz anderer Herangehensweise fügen Sanhedrin ein weiteres, gewohnt starkes Album ihrer Diskografie zu. Vielleicht benötigt der ein oder andere Song ein, zwei Spins mehr, aber das war es dann auch schon. Somit kann man getrost sagen, dass die Amis sich selbst treu geblieben sind und gleichzeitig die Genregrenzen ein Stück weiter ausgelotet haben … oder in Dio’s Worten: „Hungry for heaven – But you need a little hell!“

Wertung: 9/10
Autor: Michael Staude

Label:METAL BLADE
VÖ-Datum:14.03.2025
Running Time:43:54
Format:CD, Vinyl, Mp3

Erhältlich bei:
Idiots Records