KRAAN
Dortmund, Musiktheater Piano, 14.03.2026
Guuuten Abend aus dem Musiktheater Piano in Dortmund. Es ist der 14.03.2026. Krann spielt auf! Ich texte morgens mit meinem Arbeitskollegen in Pension, Dirk. Seine „Ur-Lieblingsband“ aus Jugendzeiten ist mal wieder auf Reise und ich entscheide mich spontan, dabei zu sein. Ich kaufe ein Ticket über die Band-Homepage und erzähle meinem Kumpel Joxe davon, weil er am Vorabend Interesse angemeldet hat. Zehn Minuten später kann er schon nur noch über einen der großen Ticketanbieter kaufen. Eine weitere Stunde später meldet sich Dirk, es sei ausverkauft. Soso. Kraan verkaufen aus! Seit den Achtzigern taucht die Musik immer mal wieder in meinem Umfeld auf, ohne dass ich sie je recht zu schätzen gewusst habe. Und da war Kraan schon über ein Jahrzehnt dabei! Hier mal ein Lied, da mal ein Vinyl, mal eine(r), der sie gesehen hat und es toll fand … so halt. Die Richtung ist mit Krautrock meiner Meinung nach unzureichend beschrieben, ohne dass ich besser wüsste, es zu sagen! Aber heute zählt, dass ich eine Band, die mich Jahrzehnte irgendwie begleitet, wenigstens mal gesehen haben und einen Haken machen möchte. Dann heute mit Dirk und Joxe. Fire on …
Um 20:28 Uhr startet Kraan ohne Vorband, mit „Andy Nogger“ von dem gleichbetitelten Album aus 1974. Ein Stück mit einer epischen Kürze, für Kraan-Verhältnisse, von etwa vier Minuten und einer sehr stimmlastigen Version. Ich schätze den Stimmanteil in dieser Variante auf ein Fünftel. Lieder dieser Gesangsfülle werde ich heute nicht mehr hören. Ein guter Start. Hellmut (Hattler) kommt ans Mikro und erzählt ein paar Minuten aus der guten alten Zeit, die für ihn bis heute reicht. Das Publikum folgt ihm gerne, kennt die Geschichten und es wird zusammen gelacht. Es folgen „Zoup“ und „Überstürzter Aufbruch“ von der 2023er Scheibe „Zoup“. Bei Letzterem spielt sich Gitarrenmann Peter Wolbrandt in die Sphäre, die man für diese Art von Musik haben muss. So bekommt er kaum mit, dass seine Stirn den Standplatz des Mikros kreuzt … ein dumpfes „Bonk!“ gleitet durch den Saal. Peter guckt irritiert. Aber ohne auch nur ansatzweise aus dem Tritt zu kommen, geht‘s weiter. Mit Bassmann Hellmut und Schlagwerker und Bruder Jan (Friede) stehen die Drei eh einfach nur auf der Bühne, gucken sich an und fühlen, was zu tun ist. Ich habe den Eindruck, ich stehe im Proberaum und werde Zeuge eines neuen Stückes. Es folgt „Jerk Of Life“ von 1975 („Kraan Live“), wonach Hellmut eine Uraufführung ankündigt. Inzwischen ist auch Martin Kasper, der die Band seit einiger Zeit begleitet, an den Keyboards auf der Bühne. Der ca. zwanzigminütige Teil mit den Titeln „Braunfels“ und „Press Play“, von dem ab dem 17.04.2026 erscheinenden Album „All In“ geht‘s in gleicher Intensität und mit reichlich psychedelischer Musik weiter. Für mich, der nicht seit 55 Jahren dabei ist, ist es schwer zu unterscheiden, was hier studiolike ist, und was improvisiert. Dirk erklärt mir umgehend, dass sich das auch auf den Studioalben so anhört. Joxe sieht mein zufriedenes Lächeln und fragt sich laut, wann ich wohl meine erste Kraan Scheibe in der Hand halten werde.
Weiter geht’s mit neun Minuten „Holiday Am Marterhorn Including Gipfelsturm“, bei denen ein Lächeln über die Gesichter geht. Sowohl Publikum, als auch Kraan sind in der „Ihrer Welt“ endgültig angekommen. Ich bin dabei … „Hallo Ja Ja, I Don’t Know“ (1973) und „Dinner For Two“ (1988) folgen. Nach „Wintruper Echo“ (ebenfalls 1988) folgt „Let It Out“ (1975), bei dem ich das erste Mal wieder bewusst wahrnehme, dass einer am Mikro steht. Und singt! Schlagwerker Jan fällt mir ebenfalls erneut auf. Er brennt kein Feuerwerk ab, aber was er macht, ist nett verspielt, sehr groovy und was das wichtigste ist: gleich einem Uhrwerk. Bei dieser improvisierten Studio-Show großartig. Hellmut kündigt „Borgward“ an. Das Letzte Stück auf dieser Reise durch die Vergangenheit. Wie kurzweilig! Das Publikum ist begeistert, klatscht und fordert lauthals eine Zugabe. Die gut vierminütige Unterbrechung wird anhaltend durchgeklatscht und die Band zurückgerufen. Wie zu erwarten, lassen sich die Herren nicht lumpen und kommen noch einmal. Die Erklärung von Hellmut, dass er musikalisch in den Siebzigern aufgewachsen sei und er deshalb nicht weiß, wie kurze Stücke gehen, verspricht für die Zugabe schon mal was. Es startet „Nam Nam“. Ich bin ein bisschen enttäuscht, dass es nach sieben Minuten zu Ende ist, worauf mich Dirk entsetzt anschaut und bemerkt: Ist doch noch gar nicht zu Ende. Aha! Also ein Mitmachteil fürs Publikum zum Klatschen und singen, dann noch ein bisschen „Nam Nam“ und schon ist nach 17 Minuten Zugabe um 22:15 Uhr Feierabend. Weiter unterrichtet mich Dirk, dass in der Zugabe noch „Sarahs Ritt Durch Den Schwarzwald“ eingeschmuggelt war … Ich muss ihm glauben. Es folgt ein sehr langer Applaus und eine Merch-Session mit jeder Menge Vinyl auf der Bühne. Sehr viele der Gäste haben ein Vinyl dabei oder gerade gekauft und lassen es sich noch signieren. Wir lassen den Abend im Piano noch ausklingen und ich bin sehr froh, dass ich mich an diesem Abend für das Konzert entschieden habe.
Um abschließend noch Joxes Frage zu beantworten: Es hat von seiner Frage bis zu meiner Ersten Kraan-Scheibe ca. 75 Minuten gedauert. Eine 75er Liveaufnahme aus Porta Westfalica, die 2023 veröffentlicht wurde. Ich freu mich drauf.
Fazit: Haken dran. Und was für einer. Lass mich nie zu alt werden, Gutes zu würdigen. Auch, wenn es älter ist als ich! Naja, fast …
Autor: Andreas (Project-AB Bild)
Pics: Ulf Lenhard, Joxe Schaefer

