Allahelgons Muskelrock

Alvesta (SWE), Folketshus 05.11.2022


Das Jahr neigt sich langsam aber sicher dem Ende entgegen. Im vergangenem Jahr haben die Tyrolen-Betreiber im schwedischen Småland ein kleines, aber sehr feines Indoor Festival ins Leben gerufen. Klar, dass wir auch bei der zweiten Auflage mit von der Partie sind. Bereits im Sommer hatte ich das Datum und die ersten Bands aus Muskelrock Booker und Kopf Jacob heraus bekommen. Schnell ist der Urlaub gebucht und die Tickets geordert. Am Donnerstagmorgen in aller Frühe machen wir uns auf den knapp siebenhundert Kilometer langen Weg. Der dritte in unserem Bunde, unser Freund Jeremy, hat zu diesem Zeitpunkt bereits rund fünfhundert Kilometer hinter sich. Mit einer gut dreizehnstündigen Mp3-Playlist entfache ich ein metallisches Feuerwerk, was unsere Reise musikalisch versüßt. Kurz nach Mittag erreichen wir unser zweites Zuhause, das Tyrolen in Blädinge, was im Herbst bereits ruhig in seinem wohlverdientem Winterschlag liegt. Was für ein Kontrast, kennt man das Gelände des ehemaligen 60er Jahre Vergnügungsparks doch zu Muskelrock Zeiten nur voller Leben. Schnell ist das Auto ausgeladen und unser kleines Häuschen im Backstage des Tyrolen eingeräumt und startbereit für die nächsten Tage. Klar, muss man das erst mal mit dem einen oder anderen Getränk feiern. Dieses Jahr haben wir sogar noch einen weiteren Bewohner im Wagendorf, den wir natürlich sofort zu unserem kleinen Sit-In dazuholen. Mein Freund und Lieblingsnachbar Oskar ist leider gerade mit Ambush auf Tour in Südamerika, so bleibt uns lediglich zu schreiben und das ein oder andere Foto auszutauschen. Der weitere Abend verläuft ruhig und wir sind happy, endlich wieder hier zu sein.


Am kommenden Morgen, nach einem anständigen Frühstück und ausreichend Kaffee, machen wir einen groben Tagesplan und überlegen, wer nun alles besucht werden muss. Als erstes steht der gerade von einer US Tour zurückgekehrte Screamer Drummer Henrik auf der Liste. Dieser hat leider wenig Zeit, erzählt uns aber noch eine kleine Anekdote von einem Abend in Indianapolis. Dort traf er in einer Bar einen Langhaarigen, der erzählte, dass er bald in Schweden auf Tour geht und in Städten wie Stockholm, Malmö und Alvesta spielt… Ähm Alvesta??? Moment, das ist jetzt nicht unbedingt der Place-to-be in Schweden… Es stellt sich heraus, dass es sich bei dem Amerikaner um den Coven-Gitarristen handelt. Manchmal ist die Welt echt ein Dorf, haha. Nach einem kleinen Astra bei Henrik, machen wir uns auf den Weg nach Alvesta, um auch endlich Jacob zu treffen. Dieser hat uns zu einem ganz besonderen Abend eingeladen. Am heutigen Freitag steht Carl-Einar Häckner auf der Kinobühne des Folketshus in Alvesta. Ein berühmter schwedischer Zauberkünstler, Schauspieler und Komiker, der uns mit seiner lustigen und abwechslungsreichen Show in seinen Bann zieht. Zweieinhalb Stunden Zauberei, gespickt mit Comedy und Musik machen den Abend zu einem mehr als kurzweiligen Erlebnis. Ein kleiner Absacker wird danach noch zu sich genommen und wir gehen voller Vorfreude auf den kommenden Tag schlafen.


Der Muskelrockmorgen beginnt wieder wie am vorigen Tag und wir stimmen uns mit den ersten beiden Coven-Scheiben auf den heutigen Abend ein. Zur Vorbereitung gibt es wieder das ein oder andere Kaltgetränk und nach einem ausgefeilten Nudelgericht am frühen Abend, geht es mit dem Taxi zum Gemeindehaus, welches die Muskelrockveranstalter in den vergangenen zwei Jahren auf Vordermann gebracht und dem 60er Jahre Gebäude seitdem mit regelmäßigen Veranstaltungen neues Leben eingehaucht haben. Pünktlich betreten wir den schicken Saal im Untergeschoss, wo wir gerade noch dem Soundcheck des Openers Contaminazione beiwohnen können. Unsere Laune steigt und nach einer ausgiebigen Begrüßungstour unserer Freunde geht es erst mal an die Bar. Mit leichter Verzögerung hallen die ersten Synthie- und Bassklänge des aus Uppsala stammenden Trios durch den Raum. Mit ihrem Instrumental-Soundteppich huldigen sie den 80er Jahre Italian Soundtrack. Contaminazione gelten als Schwedens Antwort auf Goblin und haben mich bereits auf dem diesjährigen Muskelrock schwer beeindruckt. Dafür habe ich sogar die zeitgleich spielenden Heavy Sentence sausen lassen. Die drei machen auch heute wieder mächtig Druck mit ihrem kraftvollen Synthesizer-Sound. Schade nur, dass nicht sonderlich viele Nasen vor Ort sind, um diesem Spektakel beizuwohnen. Das ist wohl auch dem Umstand geschuldet, dass ausgerechnet an diesem Wochenende das The Abyss Festival in Göteborg stattfindet. Egal, denn diejenigen, die den Weg nach Alvesta gefunden haben, haben einen Menge Spaß, so wie wir. Auf den Boxen stehen kleine Fernseher, auf denen die Musik noch optisch mit kleinen Filmausschnitten untermalt wird. Contaminazione zocken ihr komplettes, bislang veröffentlichtes Demo „Pericolo Di Morte“, was ich im Anschluss an den Gig direkt von dem Schlagzeuger endlich auf Tape mein Eigen nennen kann. Ein tolles Teil für alle, die auf mehr als nur Heavy Metal stehen. Nach einer Zigarettenpause vor der Tür geht es mit der bekannten Muskelrock Auktion weiter. Warme Decken, Vinyl oder selbstgestrickte Coven-Handschuhe wechseln hier den Besitzer und jeder Anwesende hat sichtlich Spaß an dieser lieb gewonnenen Tradition des stärksten Festivals der Welt.


Im Anschluss geht es musikalisch mit der nächsten Band weiter: Iron Walrus aus Osnabrück kenne ich nur von CD. Doom / Sludge / Noise, der musikalisch ganz cool ist, für mich aber am heutigen Abend das Uninteressanteste. So dachte ich zumindest, bis der Fünfer seine ersten Dampfwalzen in die Menge ballert. Mit einem mächtig drückenden Sound gibt es mit Songs wie „I Hate People“, „Balanced“ und „Take Care“ einen Querschnitt aus den letzten zwei Alben der Deutschen. Als kleine Überraschung zelebriert das Quintett von der letzten EP „Covered“ das Tears For Fears-Cover „Shout“. Starke Nummer und mit Reborn wird Basser Flo ein ganz persönlicher Song gewidmet, der sich gerade in einer Chemo-Therapie befindet. Dafür auch von uns die besten Wünsche! Mit „Reborn“, „Idols“ und „Under My Skin“ geht es weiter mit voller Kraft voraus und das bis auf den Sänger mit Walross Sturmhauben gekleidete Eiserne Walross zockt sich nicht nur bei mir von Song zu Song tief ins Herz. Zum großen Finale des doomigen Dickhäuter zeigt sich der Ersatz-Basser publikumsnah und hüpft von der Bühne, zockt vor dieser in der spärlichen Menge den Song „Exile“ und lässt dabei selbst ein Selfie mit einem Fan über sich ergehen. Sehr geiler Auftritt und natürlich muss ich danach sofort an den Merch und mal schnell ein neues Shirt shoppen. Hab ja bislang nur eine dreistellige Summe beim Merch des Headliners gelassen… Am Iron Walrus-Merch haben wir dann noch einen kleinen Plausch mit dem sympathischen Fronter Aufi, der sich freut, endlich mal in Schweden Deutsch reden zu können. Iron Walrus sind auf jeden Fall für mich die Überraschung des Tages. Langsam verstehe ich auch, warum Coven diese heavy Band als Support für ihre aktuelle „Magickal Chaos Tour“ auserkoren haben.


Der Abend neigt sich dem Ende zu und der heutige Headliner steht an. Coven aus Amerika geben sich auf ihrer aktuell stattfindenden Europa-Tour die Ehre, in einer der wohl kleinsten Locations der Tour bereits zum zweiten Mal das Muskelrock zu headlinen. Im Jahre 2017 hab ich die charismatische Jinx und ihre Mannen das erste Mal im Tyrolen live gesehen und war total geflasht. Da Coven doch recht selten mal in heimischen Landen zu sehen sind, ist dieser Auftritt im Folketshus für mich etwas ganz Besonderes. Wieder wird die Show nach einem dunklen Intro mit einer, einem Sarg entsteigenden Jinx eröffnet. Diese hat sofort die Menge im Griff und verbreitet eine tiefschwarze satanische Atmosphäre im Saal. Das Publikum hat es sogar mal bis direkt vor die Bühne geschafft und feiert den okkulten Fünfer sofort ordentlich ab. Unglaublich, dass die meisten Songs hier mehr Jahre auf dem Buckel haben, als die meisten Besucher und Coven damit bis heute das Publikum begeistern können. Mit Songs wie dem mächtigen „Black Sabbath“, „White Witch Of Rosenhall“ oder dem starkem „Wicked Woman“ aber auch eine Leichtigkeit. Die komplette Band ist mit Umhängen ausgestattet und macht damit auch optisch die obskure Musik perfekt. Die Stimmung ist auf dem Höhepunkt und sogar hier und da fliegen die Haare, genau wie bei mir. Mit dem psychedelischen Heavy Rock liegt eine warme Stimmung im Saal und wirklich alle haben Coven in ihren Bann gezogen. Bei dem 2016er Single-Song „The Crematory“ tapst Jinx mit einer Maske und einer Laterne über die Bühne. Die 72 jährige und bis heute blonde, langhaarige Front-Ikone ist in Top-Form, vor allem was ihre Gesangsleistung angeht, gibt es hier nix zu meckern. Coven überzeugen auf ganzer Linie und nach „Chant Break“ und „Black Swan“ stellt Jinx ihre Band vor, was von der Menge mit viel Applaus kommentiert wird. Mit „F.U.C.K.“, „Epitaph“ und dem genialen „Blood On The Snow“ geht dann die für mich beste Coven Show zu Ende. Von ihren Mitstreitern bekommt Frau Dawson dann noch kurz Hilfe, den Weg von der Bühne zu finden und damit geht ein wirklich denkwürdiger Auftritt vorbei und wir müssen erst mal vor der Tür Luft schnappen.

Nach einer ausgiebigen Verabschiedungsrunde machen wir uns auf den Heimweg in einem leicht überfüllten deutschen Kleinwagen. Sehr aufregendes Erlebnis und wir sind doch etwas erleichtert, nach einer spannenden nächtlichen Rundreise wieder an unserem kleinen Häuschen zu sein. Zum grandiosen Abschluss des Tages müssen wir noch in unsere eigenen vier Wände einbrechen, da der neue Schlüssel leider nicht passt und wir den natürlich auch im Vorwege nicht ausprobiert haben. Argh, nach dieser Aktion hilft noch ein kleiner Nachttrunk, um in den wohlverdienten Schlaf zu kommen. Der letzte Tag ist für uns inzwischen Routine. Tetris in unserem Häuschen, bis die letzte Tasche und die letzte Kiste den Weg wieder in den Bus geschafft hat. Nach einem kurzen, letzten Stopp an unserem Lieblingspizzamann, der sogar mal in Deutschland gelebt hat, geht es wie bereits im vergangenen Jahr bei schwedischen Himmelstränen auf den Heimweg. Was für ein tolles Wochenende mit meiner lieben Frau und meinem besten Freund und natürlich kommen wir auch im nächsten Jahr zurück, wenn Muskelrock-Macher Jacob zum Allahelgons Muskelrock einlädt. Es war uns wie immer eine absolute Freude!!!

Autor & Pics: Tino Sternagel-Petersen