SACROSANCT, KNIFE, ESTOPLYN, DISTANT THUNDER

Gronau-Epe, Latüchte, 03.07.2026


Wer war schon mal in Epe bei Gronau auf einem Konzert? Also dafür, dass hier in der Vergangenheit nicht so oft im relevanten Bereich des Heavy Metals etwas stattgefunden hat, ist die schnuckelige Gaststätte mit dem Namen „Latüchte“ und einer Mercedes Schnauze über dem Eingang kurz vor ausverkauft, als wir hier eintrudeln. Draußen hört man schon Shouter Benni in Aktion, aber die Frage, ob das schon Knife sind, die da spielen, wird schnell beantwortet. Das sind Distant Thunder, die heute als erstes auf die Bühne gegangen sind, wo der Zuvorgenannte ebenfalls den Posten am Mikrofon inne hat. Leider arbeiten die Bediensteten an den Zapfhähnen sehr langsam, dass man lange auf sein Getränk warten muss. Hinten am Eingang scheint es sehr voll zu sein, denn man steht hier sehr dicht gedrängt, aber vor der Bühne ist noch viel Platz. Der Fünfer attackiert mit der Doppel-Flying V, wovon wir Holger von Abandoned natürlich in seiner typisch nach vorn gebeugten Haltung sofort erkennen. Nur echt mit der pendelnden Klampe am Knie und dem Haupthaar bis in die Saiten, Ausnahme: siehe Foto. Wie auf ihrem Demo wird auch hier in Epe der letzte Song „Claustrophobic“ zum Schluss gebracht. Letztendlich kann man aber nach diesem Debütgig der Band schon sagen, wer Knife mag, mag auch Distant Thunder.


Das Estoplyn-Intro kommt mit Trommelwirbeln und pompöser Orchestrierung wie für einen Western. Doch ein Film läuft hier nicht, auch wenn auf der Bühne Mantel, Kilt und Kappe getragen wird, und ein Dudelsack ebenfalls zum Einsatz kommt. Die Band aus dem nicht wirklich weit entfernten Rheine kann man trotz aller moderneren Elemente auch im Thrash einordnen. Während der Fünfer unter Nebel „Insane“ vom Debütalbum „Stroke Of Fate“ zockt, dringen hellere und unflätig geschimpfte Corevox zu häufigen Tempowechseln in die Gehörgänge. Das stellt schon etwas ganz anderes als die Band zuvor dar, dass man straffrei behaupten darf, die Jungs fallen heute im Gegensatz zu den drei anderen Bands stilistisch etwas aus dem Rahmen. Sie dürfen aber für etwas über eine Stunde zocken und wir machen derweil noch anderweitig Feststellungen, die wir mit Humor nehmen. Der Getränkeausschank funktioniert wirklich nur sehr schleppend, obwohl viel Personal hektisch umherläuft. Es gibt es nicht genug kaltes Bier und Alkoholfreies, einfach Oberchaos hinter dem Tresen den ganzen Abend durch. Und das bei dem Sommerwetter, wo die Leute Durst haben.


Die Stimmung ändert sich, als Knife auf die Bühne gehen. In unseren Breiten sind die Hessen häufig am Start, und können auch jedes Mal überzeugen. Benni wähnt diese Location ‚Latüchte‘ in Ostholland, womit er gar so falsch nicht liegt, denn die Grenze ist gar nicht weit. Am Bass entdecken wir aushilfsweise heute Jannik von den Thrashern Insomniak, die kürzlich bei uns in Essen auftraten. Und dabei macht er auch optisch eine sehr gute Figur, als gehörte das alles so. Knife ziehen wie in jedem Gig alle Register und neigen dazu, sich zu verausgaben, besonders Boxenkletterer Benni (siehe Foto). Natürlich bekommt ein Oberkracher wie „Black Leather Hounds“ die Hütte ans Bangen, so auch hier beim zurückhaltenden Publikum in Epe, wenn auch erstmal bloß allmählich. Blöd nur mit dem beschriebenen Getränkenachschub, denn bestellst du hinten, verpasst du vorne drei Songs. Benni hat es da besser. Der schnappt sich einfach ein Bier von jemandem aus dem Publikum. War aber ein bloß Alster, naja, kann ja mal passieren. Dann bekommen wir „Nightmare“ vom demnächst erscheinendem Album auf die Omme, das gibt auch gleich den Pit. Dann holt Benni einen Fan im Whiplash-Shirt auf die Bühne, als lebende Litfaßsäule, denn sie spielen nun deren „Power Thrashing Mad“. Irre das Stück, ruft auch irre Reaktionen hervor, dass sich ein Crowdsurfer bis zum Eingang tragen lässt. Nach fünfzig Minuten ist der Zauber vorbei, aber eine Band steht ja noch an.


Bei dieser Veranstaltung erfreut sich der Fan über ein reichhaltiges Merch, denn alle vier Bands haben reichlich Zeugs rangetragen. So haben auch Sacrosanct Vinyl am Start, das selbstredend sofort abgegriffen wird. Das ist tatsächlich noch eine Band, die wir noch nie live gesehen haben. Ihr Debütalbum „Truth Is – What Is“ war Anfang der Neunziger in aller Munde. Das ins Auge stechende Coverartwork ist auch heute noch ein Blickfang und wurde damit damals in den Printmedien von No Remorse mit großen Anzeigen beworben. Ihr melodischer und leicht progressiver Thrash war zu jener Zeit etwas scharfkantiger, ist aber noch vorhanden. Es ist ja auch unbestritten einiges an Zeit vergangen, denn heute treten unter dem Banner fünf Kurzhaarige mit mehr melodischem Metal der proggigen Art an, der aber durchaus mitzureißen weiß. Das helle und Holzgewächse darstellende Oberbekleidung ihres Shouters deutet ebenfalls in die Richtung. Gitarrist Randy Meinhard ist noch von der alten Mannschaft dabei, und übernimmt einige passende Backings. Mit ordentlich Hall auf den Vocals und coolen Doppelsoli bekommen ältere und neuere Tracks wie „Clouds Obscured The Sun“ das richtige Soundbild. Obwohl ihre Mucke hier zum Zuhören und entspannten Genießen anmutet, sind wir trotz härterer Erwartungen positiv überrascht. Echt eine kleine Überraschung des lockeren Konzertabends, hier in der Nähe vom Rock- und Popmuseum.

Autor & Pics: Joxe Schaefer