Summernight Open Air

Mechernich, Mühlenpark, 20. & 21.07.2018


Tag 1, Freitag, 20.07.2018: No Retörnity, Perzonal War, Delirious, Metal Inquisitor, Nitrogods.

Zum inzwischen zwanzigsten Mal findet das beliebte Summernight Open Air der Hard’n Heavy’s Rhein/Sieg statt. Zu freiem Eintritt versprechen die Veranstalter, im Mühlenpark Mechernich ein Best-of Programm aus den letzten zwanzig Jahren zu präsentieren. Und noch bevor der erste Ton gespielt wurde, sind die beiden Feuersäulen am Bühnenrand ausgiebig getestet worden. Los geht’s dann an diesem Freitagnachmittag mit den Hardrockern aus Bonn, die mit dem lustig eingedeutschten Bandnamen. Immerhin kann man sich No Retörnity gut merken, und wer Basser Torsten von hiesigem Club kennt, weiß eh Bescheid. Wer noch nicht dabei sein kann, weil ihn irgendein verfickter Stau dran hindert, dem sei gesagt, das kleine aber feine Festival wird durch diesen erdigen und rock ‚n‘ roll-mäßigen Auf-die-Fresse-Sound eröffnet. Mit dem Verständnis, den Groove für das Wesentliche zu liefern, erspielen sie sich nicht nur die Aufmerksamkeit der älteren Gäste, sondern wissen eine satte Stunde lang die Gliedmaßen aller Frühankömmlinge in Bewegung zu bekommen. Also der passende Opener für dieses Festival. Der Wacken-Patch auf der Kutte von Torsten ist aber sicher ein Insider.


Die nächste Band wurde von ex-Squealer Drummer Martin Buchwalter und Metti Zimmer gegründet und hat vor zwei Jahren selbst das Zwanzigjährige gehabt. Auch hier vor den Toren der 27.000 Einwohner-Stadt verbinden Perzonal War Power- und Thrash Metal vor vielen von außerhalb angereisten Fans. Die Recken aus Troisdorf beginnen absolut zeitgleich mit einer Regenschauer was allerdings nur wenige Besucher davon abhält, Möglichkeiten zum Unterstellen zu suchen. Denn irgendwie haben die Vier irgendwas, liefern von zart bis oberheftig dem Publikum gefallendes Material, dass sich sogar schon Moshpits bilden. Metti unterstreicht in seinen Ansagen die Verbundenheit zu den Hard‘n Heavy’s, immerhin waren sie schon auf deren ersten Festival im Billing. Sonst überzeugt er mit melodischerem Gesang, hat bei James von Metallica einiges abgeschaut und bekommt die Fans auf seine Seite.


Ebenfalls alte Haudegen sind Delirious, die den weiten Weg aus Hamm auf sich genommen haben, heute Abend den Thrash zu liefern. Frontbetty und seine Westfalen knallen sofort los. Zu Songs wie „Psychotic Disarray“ und „I Am The Enemy“ wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Bei einem hohen Bewegungsdrang schaut man den Muckern gerne zu, oder geht zu den Bangern in den ersten Reihen abmoshen. Die Vocals sitzen unclean und clean und überhaupt macht Shouter Betty die Menge voll an, dass diese zum Schluss bei ihrem Klassiker „Ragers Elite“ noch einmal alles gibt. Wie immer eine zuverlässige Bank, dieser Fünfer.


Endlich ist es soweit, der von vielen Angereisten sehnsüchtig erwartete Auftritt von Metal Inquisitor steht an. Die Jungs arbeiten grad fleißig an ihrer neuen Scheibe und waren dazu auch schon im Studio. Nebenbei bemerkt waren sie jetzt locker über 1 1/2 Jahre nimmer live zu sehen und können nichtsdestotrotzdem hier auf dem zwanzigsten Summernight voll abziehen, als wären sie gar nicht weg gewesen. Die Band war schon früh im Publikum anzutreffen und hielt Smalltalk mit den Fans. Jetzt auf der Bühne, übrigens noch immer im selben Line-up, leider eine Seltenheit in diesen Tagen, werden die bewährten Kracher “Doomsday For The Heretic” und “Restricted Agony” im Doppelpack, “Satan’s Host” und “Star Chaser” zu den bereits erwähnten Feuersäulen in die Menge geworfen. Allerdings gibbet auch neue Töne auf die Ohren, wie das absolut zündende „Beyond Nightmares“. Die Koblenzer machen es noch immer vor, wie man, ohne nur ansatzweise langweilig zu werden, dauerzündet und man merkt jedem einzelnen auf der Bühne die Spielfreude förmlich an. “Zombie Driver“ und “Call The Banners“ dürfen nicht fehlen und kurz vor Ende kommt noch der Mitgröler „Days Of Avalon“. Nach der Zugabe “M4-A1” ist die Party dann wirklich beendet. Schreiberkollege Janosch Besen bringt es treffend auf den Punkt, indem er mir ins Ohr brüllt, dass die Band wohl nicht einmal schlecht sein kann!


In der vergangenen Zeit haben die Nitrogods desöfteren bewiesen, wie sehr mit ihnen und ihrem groovigen und eingängigen Sound zu rechnen ist. Der Dreier besteht aus den beiden ex-Primal Fear und ex-Sinner Members Klaus Sperling und Henny Wolter, die sich Herrn Oimel Larcher an Bass und Vocals dazu geholt haben. Letztgenannter sieht mehr nach ZZ Top aus, dürfte aber auch dafür mitverantwortlich sein, dass der Groove von besagter texanischer Folklore (haha!) im Sound des Trios vorherrscht, if you know what i mean. Auf jeden Fall liefern sie voll den Arschtritt, welcher sich der unentwegt in Bewegung sehenden Audienz in Mark und Bein geht. Einen gewissen Groove hatten die alten Thunderhead auch, von denen sie „Take It To The Highway“ spielen, noch ein Relikt aus der Zeit, als Gitarrist Henny mit den Hannoveranern zockte. Zum Schluss darf man zu „Nice Boys“ von Rose Tattoo das Tanzbein schwingen und nach einem knappen Drumsolo geht die Coverabteilung gleich ins „Overkill“ von Motörhead über. Damit kann man nur gewinnen. Die Spielzeit bis Mitternacht füllt das Trio an mit weiteren kurzweiligen Covern “Going To Brazil” und dem ansonsten verzichtbaren, weil totgedudelten “Ace Of Spades“ (ebenfalls Motörhead, falls noch wer nachdenkt) inklusive stattlicher Rückkopplung zum Finale … wer jetzt noch nicht genug hat, bekommt im Biergarten bis in die Morgenstunden klassischen Heavy Metal aus der Konserve auf die Omme.


Tag 2, Samstag, 21.07.2018: Messerschmitt, Hornado, Alltheniko, Custard, Gun Barrel, Aardvarks, Obscurity, Steelpreacher, Tuxedoo.

Hui, nachdem die Feierwütigem bis früh morgens im Partyzelt gerockt haben, geht schon um elf Uhr vormittags die erste Band des zweiten Tages auf die Bretter. Schon okay, zumal bei der Hitze eh keiner mehr schlafen kann. An sich aber ein Witz, dass die anderswo headlinenenden Messerschmitt heute den Tagesopener geben. Bei vollstem Gegenlicht lassen sie sich aber nicht beirren, setzen die Sonnenbrillen auf und ab geht’s. Vor allem war Basser Flo einer der letzten Abmoshkrieger im Partyzelt am heutigen ganz frühen morgen. Die Jungs kriegen das Ding aller Widrigkeiten zum Trotz gebogen und können nach gut 55 Minuten noch mit Anthrax‘ „Deathrider“ abschließen. An sich genau der richtige Arschtritt zum Wachwerden, bei dem die Die-Hard Banger ihre erste Ladung bekommen und von Kaffee auf Bier umschwenken.


Auf dem letztjährigen Der Detze Rockt Festival spielten Hornado auf, wo sie nicht überzeugen konnten. Mal sehen, wie sich das hier in Mechernich darstellt. Ihr klischeegeladenes Textgut wird treffsicher gebracht und auch die Soli sitzen, so macht klassischer Metal Spaß. Das kann man sowohl am Neugitarristen Ian, als auch an der abfeiernden Menge ablesen, die sich an der Bühne anständig durchschütteln lässt. Die gefühlt zehnte Band, die auf diesem Festival aus Bonn kommt, wirft weiter „Out In The Night“ und das neue, offensichtlich als Fistraiser funktionierende „Marching Of The Blind“ in die Crowd. Und weil der Stampfer „Creature In The Deep“ genau das richtige Tempo bei diesen Temperaturen hat, bleibt die Menge in Bewegung. „Habt ihr Bock auf Power? Wir geben euch „Tesla Power“!“ Klar, wenn man in Shirts von Priest, Witch Cross, Raven und W.A.S.P. auftritt, steht man auch in der Pflicht. Zum Abschluss ihrer fünfzig Minuten wird auf Zugaberufe Rose Tattoos „Nice Boys“ gezockt, wahrscheinlich unwissend, dass die Nitrogods das Ding bereits Tags zuvor coverten.


Eine weitere Band, die ich öfters verpasst habe live zu besuchen, sind Alltheniko aus Italien. Wem das noch so geht, ist also nun sehr gespannt darauf, wie sie ihren Power- und Speed Metal auf der Bühne am Bleibach präsentieren. Als ob sie bei dem Wetter noch nicht genug einheizen würden, werden zusätzlich reichlich Flammensäulen abgeschossen. Das Trio kommt fett und hat richtig Eier. Bei nur einer Gitarre im Line-up tauchen zwar immer Soundlöcher in den Soli auf, sind beim knalligen Sound aber zu verschmerzen. Sehr cool, wie Gitarrist Joe sich permanent gut was wegschraubt. Bassist und Shouter Dave variiert von heller Brüllstimme bis zu spitzen Schreien, verkörpert den Kumpeltyp von nebenan, bekommt auf Zuruf locker alle Arme der Anwesenden hoch und unternimmt so einige Ausflüge ins Publikum. Machen also derbe was los. Sie bringen den älteren Mann „Sufferman“ und auch den neuen „Man On The Edge“ vom aktuellen Album “Italian History VI”. Das nächste Stück sei ein Cover, das aber gemäß Daves Ansage eigentlich ‘too crazy’ wäre, begründet es aber mit: “…but we are Italian!“ So schmettern sie eine absolut zündende Version von „Painkiller“. Allerdings sind die Wahnsinnigen nicht nur deswegen das Riesenhighlight, sondern legen schon wegen ihrer Tightness die Messlatte besonders hoch. Die Doublebassgranate „Re-Burn“ wird zum Abschluss mit entflammten Becken zelebriert. Paarhuferscheiße, diese Italiener bislang verpasst zu haben!


Irgendwann machte sich auch mal das Gerücht breit, dass sich Custard auflösen wollten. Danach waren sie aber noch auf einigen Brettern live zu sehen und es erschien ihr sechstes Album “A Realm Of Tales”. Wahrscheinlich halten es die Ruhrpottler damit wie die Scorpions, denn jetzt hier auf dem Zwanzigsten des Summernight Open Airs treten sie in einheitlich geschneiderten Kutten auf, die nach Meinung eines alten Fans in der Menge, witzigerweise ähnlich gekleidet, wohl neu sein müssen. Offensichtlich soll nicht nur ihre Historie verwaltet werden, mit samt der epischen Ansagen und des würzigen Sortiments seiner Sprüche von Shouter Oli. “Wollt ihr was Altes? ihr könnt unseren Drummer haben!“ Das unterstreicht ihren Fun-Faktor, obgleich Oli auf der anderen Seite die Fans im Griff hat und die vor der Bühne ausharrenden Melodic Metal Fans dirigiert, noch während Custard ihren Set bei einer beginnenden Regenschauer beenden. Als Regenschutz sind diese Kutten bestimmt gut, aber neben den Maiden-Shirts bei H&M wird man sie nicht suchen müssen.


Diese Kölner, die als nächstes den Mühlenpark rocken, haben sich in der vergangenen Zeit ganz sicher nicht rar gemacht. Die Mannen um Gitarrist Rolf Tanzius starten ohne Intro durch und stehen unter stattlichem Bewegungsdrang. Vorneweg ihr Shouter im Oberhemd und umgebundener Kulturstrippe, als ob er grad aus dem Büro kommt und ein Bewegungsdefizit ausgleichen will. Gun Barrel liefert den groovigen Arschtritt und die Audienz spielt mit. Natürlich darf der Klassiker und Fistraiser „Roll Of The Dice“ nicht fehlen, doch noch gefährlicher geht es zu, als eine Flammensäule gezündet wird und Basser Tom es grad noch schafft, unverletzt zur Seite zu springen. Klar, dass er dabei weiterspielt, als wäre nichts gewesen. Mit „Lonely Rider“ wird noch eine Zugabe serviert, dass die Spielzeit fünfundfünfzig Minuten ergibt.


Von Aardvarks hat man sich seit ihrer EP „Pro Victoria“ aus 2008 nichts mehr ins Regal gestellt. Auch diese thrashige Band kommt aus Bonn und ist tatsächlich bei einigen Anwesenden bekannt, wohl aber noch bekannter sind einige Bandnamen, die man mit den Members des Quartetts in Verbindung bringt, wie Jack Slater, Personal War und Maladie. Das macht die Sache doch mal spannend. Da können noch mehr Namen wie Derb, und Aach Un Krach fallen, wenn man noch tiefer gräbt. Interessant auch ihre Thematiken über Meeressäugetiere. Klingt komisch, ist aber so. Mit Tieren und Sprachen haben sie es, bedeutet ihr Bandname Erdferkel auf Afrikaans und man hat tatsächlich mit “Dä Do Bovven” einen Track auf Kölsch im Set … völlig bekloppte Idee, ging aber überraschend gut. Shouter und Zackriff-Gitarrist Guido spielt Barfuß und man lässt sich noch zu einem technischen Bass-Solo hinreißen. Trotz vorhandener Metallica-Schlagseite bleibt man melodischer und kann es mit zwei Gitarren auch hymnisch. Der Arschtritt ist jedoch garantiert. Wenn sie auch nicht den Nerv der kompletten Masse getroffen haben, so erfreute sich mancher daran, hier mal eine Band mit uncleanen Shouts gehört zu haben. Eine große Überraschung diese Band, die es hoffentlich bald mal auf die Kette kriegt, das oberlängst überfällige Album zu bringen. Schließlich spielte man drei unveröffentlichte Songs … da geht doch hoffentlich noch was! So bleibt es beim Kauf eines Shirts diese Band, die definitiv keine Stangenware ist, zu unterstützen.


Von allen Bands auf diesem Planeten, die sich den Namen Obscurity gaben, sind dies hier die Velberter, die sich heute im Pagan und Viking wohler fühlen als zur heftigeren Gründungszeit. Mit einem pompösen Intro und mit reichlich Flammen steigen sie in ihr Programm ein. Durch die “Streitmacht Bergisch Land” gibt es für die Fans gleich noch eine Band mit Growls im Billing und wenn man genauer hinhört, erkennt man die deutschsprachigen Lyrics nicht nur in den Ansagen wie zu „Blut Und Feuer“. Für deutliche Vocals sorgt bei aller Aggression Shouter Agalaz, der diese immer in Angriffshaltung vom vordersten Bühnenrand aus der Menge vor den Latz knallt. Ganz schön was los vor der Bühne. Die Fans feiern ihre Band ab, die ihre Spielzeit auf satte siebzig Minuten ausdehnen.


Ziemlich oft live gesehen haben die meisten Besucher die Metaller von Steelpreacher. Für viele die Band, auf die man sich heute am meisten freute. Logischerweise funktioniert ihre kurzweilige Liveshow auch hier bei Euskirchen, wo die Menge natürlich entsprechend abgeht. Und wenn man meint, die Koblenzer bieten keine Überraschungen mehr, der darf sich heute eines Besseren belehren lassen. Denn plötzlich betritt ohne Angabe von Hintergründen ein zweiter Gitarrist mit den bekannten Protagonisten die Bühne. Der Mann soll Andy the Wicked heißen, wird als der einzige Musiker in der Band vorgestellt und soll Gerüchten zufolge aktuell von Wolfen sein. Jetzt klingen Songs wie „Atlantean Dawn“, “Bitchcraft”, „Drink With The Devil“, das unverzichtbare „D.O.A.“ und das finale „Metal Health“ von Quiet Riot etwas fetter, nur optisch sieht es eher komisch aus. Der Neue macht auch gut Action, hält sich dabei mehr im hinteren Bühnenbereich auf. Weil ihr Auftritt  wieder richtig klasse war, und weil die nächste Band etwas sehr speziell ist, darf man bei Steelpreacher von einem gelungenen Headlinergig sprechen, haha.


Das muss man schon so sagen. Die meiste Skepsis durfte man im Vorfeld bei Tuxedoo aus Österreich gehabt haben, wie dieses Gesamtkunstwerk das Metalprogramm beendet, ohne dass gleich so etwas wie Wacken-Stimmung aufkommt. Geht aber schon in die Richtung und es beginnt damit, wie sich das Publikum vor der Bühne ändert. Tuxedoo bestehen aus drei Sängern, zwei Gitarristen, einem Bassisten drei Drummern und es stehen dennoch bloß sechs Mann, alle in Kniebundhosen, auf der durch zwei Kuhglocken dekorierten Bühne. Zusätzlich zu den Drums im Back stehen vorn links und rechts Trommeln und eine Milchkanne. Daran verausgaben sich zeitweise die beiden gitarrenlosen Shouter für noch mehr Schlagwerk. Und wie hört sich das an, was die Mattighofener selbst Alpencore nennen? Fernab klassischen Metals wird ziemlich nu und mit massig Core-Einlagen gearbeitet, mit Breaks, Gebrüll und massig Anmache bei der Zielgruppe erfolgreich Stimmung zu machen. Kurz vor Schluss baut das Sextett „Was Wollen Wir Trinken“ von den Bots mit ein. Die restlichen Minuten bis Mitternacht werden für reichlich Dankeschöns und Fotos mit der Crowd genutzt, während die Metaller schon im Biergarten auf den Beginn der Aftershowparty warten. Ein gelungenes Festival ohne witterungsbedingte Katastrophen geht zu Ende und wir freuen uns auf das XXI. SNOA in 2019!

Autor & Pics: Joxe Schaefer