ARMORED SAINT – emotion factory reset
Über die Qualitäten der „Gepanzerten Heiligen“ groß zu schwadronieren, hieße Eulen nach Athen zu tragen. Eine der derzeit besten Livebands, die spätestens nach dem 2015er Album „Win Hands Down“ auch studiotechnisch vollends überzeugen kann. Der aktuelle Dreher macht da absolut keine Ausnahme, außer vielleicht für diejenigen, die ein zweites „Delirious Nomad“ (1985) oder „Symbol Of Salvation“ (1991) erwartet haben. Dabei hat sich an der Grundrezeptur seit den Anfangstagen der Kalifornier eigentlich nichts groß geändert. Einen Mix aus klassischem Heavy Metal mit wohldosierten Rockelementen. Eine Zäsur stellte lediglich der frühe Tod des Gitarristen und Hauptsongwriters David Prichard dar. Dieser ist im Alter von nur 26 Jahren im Februar 1990 an Leukämie gestorben. Das kurz vor seinen Tod aufgenommene Demo ’89 enthielt viel Material, welches für „Symbol Of Salvation“ und teilweise auch für das 2000er Comeback-Album „Revelation“ verwendet wurde. Der verwaiste Posten an der zweiten Gitarre wurde seither von Jeff Duncan (Ex-Odin) adäquat besetzt. Mit Phil Sandoval bildet er bis zum heutigen Tage das unverwüstliche Gitarren-Gespann.
Apropos Phil Sandoval, dieser zeigt sich verantwortlich für den ein wenig ungewöhnlichen, fast sperrigen Albumtitel. Auch der Verfasser dieser Zeilen hatte anfangs Probleme, sich diesen Titel zu merken. Aufgeschnappt wurde diese Phrase, wie soll es auch anders sein, beim Fernsehen. In einem Beitrag hatte sich eine Mörderin während einer Gerichtsverhandlung mit ihrem Verteidiger angelegt. Im diesem Zusammenhang dazu fiel in einem Kommentar dann der Begriff „Emotion Factory Reset Button“. Angesichts der aktuellen Weltlage und auch in Hinblick auf unserer Gesellschaft und Medienlandschaft benötigen wir dringend ein solchen Reset-Button. Dieser für Amis (Sorry!) lyrische Weitblick ist nur ein Aspekt, warum die Musik/Kunst von Armored Saint stets zeitgemäß und relevant ist, und bodenständig dazu. Glücklicherweise hört man vom ersten Ton an, dass man es hier mit einer gereiften, in sich selbst ruhenden Band zu tun hat, wo jeder einfach sein Bestes gibt.
Nach einer sehr kurzen Fanfaren-Sequenz (ähnlich wie beim Debüt und ersten Song „March Of The Saint“ (1984), geht es mit plötzlich einsetzenden Gitarrenriffs gleich in die Vollen. „Close To The Bone“ ist ein klassischer Opener und überzeugt wie eh und je. Anfangs hat man sogar den Eindruck, dass man wieder härter geworden ist als man zuletzt war. Dies ändert auch das funkige Bass-Intro von Obersympath Joey Vera nicht: „Every Man-Any Man“ entwickelt sich zu einer typischen Midtempo-Nummer, die mit einem furiosen Gitarrensolo endet und dabei noch an Fahrt aufnimmt. Dieses Energielevel überträgt sich auf das treibende „Not On Your Life“. Ein echter Banger mit einem sehr eingängigen Refrain und einer noch besseren Strophenmelodie. Top-notch Leistungen seitens der Instrumentalfraktion versteht sich von selbst. Getoppt wird das Ganze aber von dem folgenden „Hit A Moonshot“, der das absolute Highlight der A-Seite ist, zudem ein waschechter Hit sein sollte und damals bei MTV und Co rauf und runter gespielt worden wäre. Auch wenn es so gut wie kein Musikfernsehen mehr gibt, wurde hierzu ein sehr sehenswertes Video gedreht. Inhaltlich geht es hier um Personen, die ohne viel Leistung an die Spitze kommen, während andere für ihren Erfolg hart kämpfen und immer wieder Rückschläge hinnehmen müssen. Dies könnte man auch metaphorisch auf die Karriere von Armored Saint beziehen.
Das mit coolen Slide-Guitars ausgestattete „Buckeye“ lädt dann zum Verschnaufen ein und kann trotzdem überzeugen. Diese Verschnaufpause währt allerdings nicht lange. Trotz seiner verschachtelten Struktur wird man mit dem Eröffnungssong der zweiten Seite „Compromise“ umgehend aus seiner Lethargie gerissen. Im Mittelteil haben alle Instrumentalisten die Gelegenheit, mit einer kurzen Solo-Einlage ihr Können zu präsentieren. Diese Intermezzi tragen dazu bei, diese Komposition noch wendiger und hakenschlagender zu gestalten. Generell hat man den Eindruck, dass auf der B-Seite mehr Wert auf musikalische Vielfalt, als auf den Punkt komponierte Songs gelegt wird. Das erneut schleppende „It’s A Buzzkill“ beginnt neben tribalartigen Drums und verfügt über einen coolen Groove. Ein zum Heulen schönes Gitarrensolo macht diesen Grower doch zu einem Gewinner. „Throwing Caution To The Wind“ ist dann wieder ein melodischer, typischer Amored Saint Song, der von Gonzos unnachahmlichen ADHS-Schlagzeugspiel getragen wird. Auch das kurze, effiziente Gitarrensolo trägt zum Gelingen bei. „Ladders And Slights“ schlägt in eine ähnliche Kerbe, während „Bottom Feeder“ sicherlich für Diskussionen sorgen wird. Nach „Buckeye“ und „Buzzkill“ die dritte, etwas ungewöhnlichere Nummer. Übrigens sind alle drei Titel (Slang-) Bezeichnungen für bestimmte Personen, wobei „Buckeye“ noch die freundlichste ist. Wie dem auch sei, sollte man die vielzitierte Kirche im Dorf lassen. Bei aller „Verkehrsberuhigung“ und bewusste “Nachhaltigkeit“ offenbaren diese Songs musikalische Feinheiten, versteckte Melodien und einem stets einprägsamen Refrain.
Letzten Endes wird der Rausschmeißer „Epilogue“ etwaige Wogen wieder glätten. Eine flotte Rocknummer, die Bassist Joey Vera verbrochen hat und ganz im Stile der legendären UFO sein soll. Ein würdiger Abschluss eines gewohnt starken Albums einer Band, die sowohl im Studio, als auch an der Livefront keinerlei Abnutzungserscheinungen offenbart. Im Vergleich zu den derzeit ebenfalls starken Veröffentlichungen von legendären US Metal Bands, namentlich Metal Church und Crimson Glory, hat „ LA’s most Headbanging Band“ hier die Nase vorn.
Wertung: 9/10
Autor: Michael Staude
| Label: | METAL BLADE RECORDS |
| VÖ-Datum: | 22.05.2026 |
| Running Time: | 49:32 |
| Format: | CD, Vinyl, Mp3 |
Erhältlich bei:
Idiots Records


