TESTAMENT, DEATH ANGEL, METAL CHURCH
Köln, Essigfabrik, 07.08.2026
Wer in dieser Woche nicht zum Party.San gefahren ist, oder in den Strandurlaub, hat in unseren Breiten die Chance, am Dienstag Rose Tattoo, am Mittwoch Crimson Glory, am Donnerstag Armored Saint und jetzt an diesem Freitag Testament und Co. live sehen zu können. Während eines kleinen Imbisses zur Stärkung, den wir kurz vor dem Konzert gemeinsam in der Nähe der Essighalle einnehmen, haut Frau V aus K einen raus: „Wir gehen gleich in die metallische Kirche und lassen uns vom Todesengel das Testament lesen!“ Ja sicher, und während wir das alles auf dem Weg in die Essigfabrik noch sacken lassen, stehen wir auf einmal schon vor der Stage, wo schon mit „Ton Of Bricks“, und „Start The Fire“ losgelegt wird. Und es ist übervoll in der Halle, die Gäste stehen sehr, sehr eng. Neushouter Brian gibt bei Metal Church eine gute Figur ab, und übertrifft auch mit helleren Schreien die Erwartungen. Drummer Ken Mary wirft seinen Stick im Spiel hoch, bis nahe der Lichttraversen, fängt ihn und spielt weiter, als wär nichts gewesen. Dass im dritten Song „Watch The Children Pray“ schon die Sau los ist, obwohl der Kracher eher ein Langsamtreter ist, spricht für die Band und die ganze „The Dark“ Scheibe. Den hymnischen Reißer kann man ja auch nur mitgrölen. Und tatsächlich, nur im Track „F.A.F.O.“ vom neuen Hammeralbum „Dead To Rights“, klingt die Band wie auf dem neuen Album nach Brians alter Band Vicious Rumors. Die anderen fünf älteren Tracks der heutigen Setlist klingen nach Metal Church mit Brian. Egal, welcher der der beiden unvergessenen und inzwischen verstorbenen Sänger das Original sang. Ein wichtiger Unterschied, der dem Irren am Mikro die weitere Zukunft in dieser Band sichern sollte. Außerdem darf er das Psycho-Intro von „Beyond The Black“ selbst sprechen. Im Anschluss gehen zum Anthem und Bandüberhit sehr viele Arme hoch, und sehr laute Rufe nach Zugabe erschallen in der Essigfabrik. Das war ein megagenialer Auftritt der alten Hasen, jedoch mit dreißig Minuten viel zu kurz. Unmöglich kann man einen Monument von Band dieser Klasse mit so knapp bemessener Spielzeit abspeisen. Frevel! (Joxe Schaefer)
Schon zwanzig Minuten später folgt der nächste Fels von Band. Death Angel machen alles andere als einen Hehl daraus, aus der Bay Area zu stammen. Nach dem pompösen Synthieintro vom Band gehen sie mit „The Moth“ in die Vollen, gefolgt von „The Dream Calls For Blood“, einem der besten Stücke ihrer jüngeren Vergangenheit. Arme gehen hoch und es startet ein Pit. Die neue Single „Cult Of The Used“ folgt, doch erst als viertes Stück erscheint dann der erste Klassiker auf ihrer Setlist, nämlich „Seemingly Endless Time“ vom von den Fans sehr geliebten 1990er „Act III“ Album. Es ist einfach brutal voll in der Halle, und eine ganz sicher nicht zu kurze Ansage von Mark ist von daher schon ganz angenehm, weil dann im Pulk grad nicht so viel gezappelt wird. Und Ansagen kann er ja, man nimmt ihm jedes Wort ab und so bekommt er alle in der Audienz. Noch ein cooler Track ist „Claws In So Deep“, doch leider spielen sie selten unsere Fave-Songs. „Mistress Of Pain“, „Voracious Souls“, „Thicker Than Blood“ oder auch „Kill As One“ bleiben auch heute zu Gunsten neuerem Materials leider unberücksichtigt. Gemessen daran haben wir dennoch reichlich Shirts von ihnen im Schrank. Ein Crowdsurfer in „Thrown To The Wolves“ entfleucht der Enge geschickt über die Köpfe der Fans, und im gestreckten Finale dreht Drummer Will völlig durch, ein Allesgeber erster Güte, wie er jüngst bei Nefarious auch bewiesen hat. Mit vierzig Minuten durften sie schon etwas länger als die erste Band zocken, doch für eine solch geniale Liveband auch noch viel zu kurz. (Joxe Schaefer)
Nach Beastie Boys‘ „Fight For Your Right (To Party)“ vom Band und einem kurzen Video stürmen die einzig wahren Könige der Bay Area um exakt eine Minute vor 21:00 Uhr die Bühne und machen von der ersten Sekunde an keine Gefangenen. Ultraklassiker „Into The Pit“ ist die Eröffnungsnummer und wird vom Publikum bestens aufgenommen. Ein gut aufgelegter Chuck Billy mit Bandana und ohne (!) seinen legendären (halben) Mikroständer hat die Meute vom ersten Ton an fest im Griff. Sogar der Sound ist heute bestens, was in der Vergangenheit bei Testament nicht immer der Fall war. Der Legende nach wurde Gitarrist Eric Peterson von Freunden gefragt, warum der Livesound bei ihnen immer so schlecht sei. Kurz darauf wurden die Soundtechniker ausgetauscht. Ihm selber sei das nie so bewusst gewesen … Weiter geht es mit dem flotten „Henchmen Ride“ vom 2008er Comeback Album „The Formation Of Damnation“, bevor mit „Practice What You Preach“ ein weiterer großer Bandklassiker und Publikumsliebling aus dem Hut gezaubert wird. Hier ist Leadgitarrist Alex Skolnick ein absoluter Blickfang und brilliert mit dem melodischen und packenden Gitarrensolo, welches die Mehrheit im Publikum bestimmt „mitsingen“ kann. Nach einer kurzen Ansprache von Chuck ist man in der Neuzeit angekommen und bekommt das recht Black Metal lastige „For The Love Of Pain“ vor den Latz geknallt, welches sich gelungen in die Setlist einfügt und nicht so ungewohnt rüberkommt wie auf Tonkonserve. Am Ende des Songs gibt es ein cooles Outro (erinnert ein wenig an neue Blood Incantation), wo beide Gitarristen perfekt harmonieren, und dieses nahtlos in das typischere „Infanticide A.I.“ übergeht. Während des Gitarrensolos wird die „Sechssaitenfraktion“ von Billy „dirigiert“. Neben dem riesigen Drumriser von Neuzugang Chris Dovas fallen auch die gespannten Leinwände auf beiden Bühnenseiten auf. Hier werden immer wieder kleine Filmchen, meist Szenen aus den Videoclips, oder auch Plattencover eingeblendet. So auch bei „Shadow People“. Obwohl die Nummer eher im Midtempo Bereich angesiedelt ist, bildet sich ein kleiner Circle Pit, der mit meinen persönlichen Fave „Sins Of Omission“ sogar noch größer wird. Untermalt von einer atemberaubenden Lichtshow.
Generell wird hier einiges fürs Auge geboten. Im Gegensatz zum zuletzt besuchtem Testament Konzert, kurz vor Covid, wirkte die Bühnenshow etwas zu aufgeblasen für ein Thrash Metal Konzert. Mag vielleicht daran liegen, dass die kleine Essigfabrik einen intimeren Rahmen hergibt als die deutlich größere Turbinenhalle in Oberhausen. Ebenfalls erfreulich ist, dass der gute Chuck nicht mehr so oft über dem Teleprompter hängt wie noch 2020. Zwischenzeitlich bedankt sich dieser bei den Fans für die anhaltende Treue, die zum mittlerweile vierzigjährigen Bestehen der Band geführt hat. Bedanken müssen wir uns auch, weil heute neben einer tadellosen Performance auch ein paar selten gespielte Songs zum Zuge kommen. Den Anfang macht „The Ballad“, welches von Eric Peterson an der Akustikgitarre begonnen wird und mit einem fulminanten Gitarrenduell Skolnick/Peterson endet. Apropos: gerade bei der Darbietung von Songs der musikalischeren „Practice What You Preach“ oder „The Ritual“ Ära (1989/1992) wird einem vor Augen geführt, wie hochklassig dieses Gitarrengespann ist. Da muss man sich keineswegs hinter den Größeren verstecken. So überzeugt „Electric Crown“ mit seinem sägenden Riffs, ebenso wie das mit Ohohoho-Chören begleitete, fast nie gespielte „So Many Lies“. Zwar bringt der Midtempostampfer etwas Ruhe ins Publikum, aber hier kann auch der „Neue“, Chris Dovas, den man während des Konzerts hinter seinem Kit kaum sieht, zeigen, was er alles so kann. Hier sitzt jeder Beat Nanometer genau. Chuck richtet sich vor dem abschließenden Block nochmals an das Auditorium und zeigt sich erfreut, dass auch Eltern mit ihren Kindern da seien. „Nature Of the Beast“ vom aktuellen Album und zwei Uraltklassiker aus der Mottenkiste, „First Strike Is Deadly“ sowie das unvermeidliche „Over The Wall“, beenden einen sehr gelungen, kurzweiligen Abend. Manch einer mag vielleicht monieren, dass die Spielzeit von siebzig Minuten zu kurz gewesen sei, aber man wird ja auch nicht jünger und freut sich bei gefühlt vierzig Grad im Schatten, ohne eine Zugabe in die Nacht entlassen zu werden. (Michael Staude)
Autoren & Pics: Michael Staude, Joxe Schaefer

