CRIMSON GLORY – chasing the hydra

Satte 27 Jahre sind seit dem letzten Studioalbum „Astronomica“ vergangen, welches aber nur bedingt überzeugen konnte. Zur selben Zeit erschienen damals Dream Theater’s „Scenes From A Memory“ oder Chuck Schuldiner’s Control Denied Album „The Fragile Art Of Existance“. Dagegen konnten die Florida Power Metaller einfach nicht anstinken.

Ein Teil der Songs und auch die Produktion von „Astronomica“ entsprachen leider ein wenig zu sehr dem Zeitgeist der Neunziger. Allerdings waren darunter auch einige richtig starke Kompositionen wie der sehr melodische Titeltrack, die „Lost Reflection“- Hommage „The Other Side Of Midnight“ oder das geile „Touch The Sun“. Letzterer wurde übrigens schon ein Jahr zuvor in einer Demofassung auf einer CD Beilage (das waren noch Zeiten!) eines bekannten Mailorder-Kataloges veröffentlicht. Selbstverständlich wurde dieser Song damals rauf und runter gehört. Er hieß noch anders („There Is No God“) und mutete mehr Oldschool als die spätere Version an. In den Nuller Jahren strebte man einen Neuanfang an und wollte mit Original-Sänger Midnight endlich durchstarten. Allerdings verstarb dieser leider wenige Jahre später an einem Magen-Aneurysma. Zudem ging auch noch die Plattenfirma pleite, wo man kurz zuvor unterschrieben hatte. 2012 wagte die Band mit Neusänger Todd  La Torre einen weiteren Versuch und veröffentlichten mit „Garden Of Shadows“ einen sehr vielversprechenden Song. Eine Mini-Tour in Europa, u.a. mit  einem viel umjubelten Gig beim „Keep It True-Festival“, sorgten für Begeisterungsstürme. Da leider weiteres Songmaterial ausblieb, fiel dem guten Todd  die Entscheidung leicht, als Ersatz von Geoff Tate bei den angeschlagenen Queensryche einzusteigen. Dort ist er bis heute recht erfolgreich unterwegs.

Es sollten weitere zehn Jahre vergehen, bis im Dezember 2023 erste Soundschnipsel im Internet auftauchten. „Triskaideka“ heißt der neue Song. Am Mikro ist jetzt der bis dato unbekannte Travis Wills, der bei mehreren Festival Gigs (u.a. erneut Keep It True, Prog Power Europe und auf dem letztjährigen Rock Hard Festival) vollends überzeugen konnte. Nach dem Ausscheiden von Jon Drenning (aus privaten und beruflichen Gründen) wurde der verwaiste Gitarrenposten mit Mark Borgmeyer adäquat besetzt. Die verbliebenen Original-Mitglieder bilden quasi den Nucleus der Band, welcher vor fast genau 40 Jahren mit dem selbstbetitelten Debüt und dem nicht minder legendären Nachfolger „Transcendence“ unweigerlich Metal Geschichte geschrieben hat.

Nun ist natürlich die Frage, wie gut der neue Dreher „Tears Of The Hydra“ an die Klassiker anschließen kann. Es ist einfach utopisch zu erwarten , dass der vertraute Sound oder das Songwriting der Achtziger reproduzierbar ist. Die Frage lässt sich wohl eher mit einem klaren „Nein“ beantworten. Allerdings zieht sich die Band achtsam aus der Affäre und präsentiert der Fangemeinde, wie leicht progressiver US Power Metal  ihrer Auffassung nach heutzutage zu klingen hat. Die A-Seite beginnt mit dem recht schnellen „Redden The Sun“. Der Refrain ist ziemlich eingängig ausgefallen und von einem orientalischen Flair umgeben, welches sich wie ein roter Faden durch das gesamte Album zieht. In ruhigeren Passagen erinnert Travis Stimme sehr an die von Midnight. Mit einem „Red Sharks“- Gedächtnis-Riff beginnt der Titeltrack und legt an Aggression noch zu . Die Bridge ist sehr gelungen, der Refrain wirkt dagegen etwas zu platt. Entschädigt wird man hierfür aber mit dem tollen Gitarrensolo am Ende des Songs.

Meeresrauschen und eine orientalische Gesangsmelodie mit einsetzenden Gitarren leiten das ruhigere „Broken Together“ ein, welches sich im folgenden Verlauf mit dem hymnischen Chorus zu einem echten Ohrwurm entwickelt und erstmals tatsächlich das Niveau der Frühwerke erreicht. Die Gitarren können hier wieder alles. Zweite Single Auskopplung „Angel In My Nightmare“ setzt diesen Positivtrend fort und Travis erreicht in der Bridge einmal mehr „Midnightsche“ Dimensionen. Insgesamt ist diese Komposition noch komplexer ausgefallen und erreicht fast die Sieben-Minuten-Marke. Ganz stark!

Gleich zwei Dinge fallen auf, wenn man die B-Seite mit der A-Seite vergleicht. Zum Einem sind die Songs härter und progressiver ausgefallen, und gerade die ersten beiden Nummern klingen mehr nach Queensryche als nach Crimson Glory! Dies kann zum Einem daran liegen, dass Travis und Todd La Torre  stimmlich nah beieinander liegen, als auch daran, dass auf Selbstzitate komplett verzichtet wird. Dieser Umstand lässt sich aber gut verkraften. Jeder Song für sich genommen ist mit Widerhaken – Melodien versehen, verfügt über komplexe Strukturen mit diversen Rhythmen, die im weiteren Verlauf eine gewisse  Eigendynamik entwickeln. Es scheint fast so, als streift die Band hier ein wenig die zu eng gewordene Haut der eigenen Historie ab…beziehungsweise schlägt der Hydra zwei, drei Köpfe ab.

Übrigens ist der vorab veröffentlichte Appetithappen „Triskaideka“ lediglich als Bonustrack für die CD und die digitale Version vorgesehen. Nach dem Genuss des gesamten Albums gibt er den Ausblick und die Zusammenfassung zugleich, wofür Crimson Glory in ihrer neuesten Bandinkarnation stehen. Der Kreis schließt sich. Abgesehen von der etwas drucklosen Produktion (und das, obwohl das Album im legendären Morrissound Studio aufgenommen wurde!) haben die US Power Metaller aber vieles richtig gemacht. Ein Grund mehr, sich auf die anstehenden Konzerte im Sommer zu freuen.

Wertung: 8/10
Autor: Michael Staude

Label:BRAVE WORDS RECORDS
VÖ-Datum:17.04.2026
Running Time:47:37
Format:CD, Vinyl, Mp3

Erhältlich bei:
Idiots Records