DEF LEPPARD, EXTREME

Dortmund, Westfalenhalle, 23.06.2026


Auf den Bierbechern steht 100 Jahre. Trotz aller Glückwünsche von unserer Seite an diese denkmalgeschützte Überdachung für Riesenevents bis 15.000 Besucher, muss man schon ein Freund von so großen Veranstaltungen sein, um hier für ein Event zu erscheinen. Die größten Saurier im Metalbereich haben wir alle schon mal live gesehen, zum Teil auch hier in der seit dem Wiederaufbau 1952 selbsttragenden Betonkonstruktion. Der Hauptgrund unserer Anreise sind nun Def Leppard, die wir aus mehreren verschiedenen Gründen tatsächlich noch nie live gesehen haben. Und das Datum ist unserem Terminkalender wohlgesonnen. Im Jubiläumsjahr der Westfalenhalle, die im Gegensatz zum Stadion nebenan ihren Namen behalten hat, kommt der heutige Headliner mit einem nicht unspektakulären Support. Denn der Opener des heutigen Abends stand auch bei Metallern Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger hoch im Kurs, besonders bedingt durch den Musiksender MTV. Extreme starten pünktlich um 19:30 Uhr, und das gleich schon mit einem Gitarrensolo zum abgespielten Intro und dem Gassenhauer „Decadence Dance“. Cool auch das dazu grell projizierte Cover des „Pornograffitti“ Albums riesig im Back. Bei wenig Bühnenlicht und einigem Mehr an Lichtblitzen wippt alles sofort mit in der ungefähr zu zwei Dritteln gefüllten Halle. Die Snare knallt deutlich laut durch das Rund. Zu ihrem kleinen Hit „Thicker Than Blood“ vom noch aktuellen Album „Six“ aus 2023 zeigt man im Back Animationen. Das sehr tighte und zackige Spiel haben die Jungs noch immer drauf und können daran wiedererkannt werden, wenn man neuere Songs nicht kennt. Eine lange Ansage von Sänger Gary Cherone, der zwischenzeitlich auch mal bei Van Halen sang, führt uns zu dem alten und leiseren Hit „Hole Hearted“. Ja, Balladen konnten Extreme auch, aber eben nicht bloß akustisch, sondern auch schnell, und wie immer eben auch sehr auf den Punkt. Gary fragt nach Gitarrenspielern im Publikum, und sagt dann eine akustische Lehrstunde von seinem Kumpel Nuno Bettencourt an. Und weil sie grad dabei sind, zocken sie ihren Megahit „More Than Words“. Danach knallen sie uns tatsächlich das sehr kantige „Cupids Dead“ vor den Latz. Mit diesem Song aus der zweiten Reihe musste man nicht rechnen. Er zeigt aber auch, dass der Vierer an Tightness null eingebüßt hat. Nur leider wurde das grandiose Album „III Sides To Every Story“ sonst sehr stiefmütterlich behandelt, was wir sehr schade finden, zumal wir es als das großartigste Werk ihrer Karriere betrachten. Zum Schluss bringen sie ihren ersten großen Hit, mit dem sie bekannt wurden. „Get The Funk Out“ beendet ihren achtundfünfzigminütigen Auftritt, den sie mit einem langen Gitarrenton ausfaden lassen.


Jetzt wird es dreieckig. Das Logo des Headliners ist eins der besten Logos im Bereich des Heavy Metals, und diese geometrische Form bestimmt das zentrale Thema, das hier optisch umgesetzt wird. Vielleicht war das gut, dass man jetzt endlich mal zu den tauben Leoparden gegangen ist, bevor es, aus welchem Grund auch immer, dafür zu spät ist. Und gemessen an den zahlreichen, verwaschenen Tourshirts der Besucher heute, haben wir da einiges verpasst. Ein Auslöser dazu waren tatsächlich ausgerechnet die beiden Balladen auf ihrem aktuellen Livealbum „One Night Only“, das sie in KK Downings Steelmill aufgenommen haben. Welche das sind … später. Außerdem spielt Def Leppard seit 1992 in der gleichen Besetzung, das muss man ihnen einfach anerkennend zu Gute halten. Das letzte, wirklich beeindruckende Studioalbum des Fünfers war „Euphoria“ aus dem Jahr 1999, und seit Beginn ihrer Auftritte in Las Vegas haben wir die gebürtigen Briten aus Augen und Ohren verloren. Es ist genau eine Minute vor neun Uhr, als alle vom Drumpodest aus mit „Rejoice“ starten. Bei einem Song wie „Animal“ tauchen Synths überall im Sound auf, aber das sind wir ja von dem Fünfer schon seit 1987 gewohnt, und die Las Vegas-mäßigen Projektionen wollen auch erst gar nicht diesen oben beschriebenen, pompösen Glamteil ihrer Karriere verleugnen. Der Sound hallt hier derbe, kommt basslastig und weniger klar. Doch eigene Songs wie das auch durch rockige Radiosender sehr bekannt gewordene „Let‘s Get Rocked“ erkennt man leicht, ein gecovertes wie die verrockte Version von Depeche Mode’s „Personal Jesus“ schon schwieriger. Sehr geil kommt „Bringin‘ On The Heartbreak“, schon auf der oben genannten Livescheibe der beste Song. Den anderen, „Too Late For Love“, bringen sie heute nicht, wie auch sonst recht wenig vom Megaerfolgsalbum „Pyromania“, von dem sie zur Zeit des Veröffentlichungsjahres 1983 schon fünf türöffnende Millionen in den Staaten absetzten.

Dafür aber ein kurzes Drumsolo von Rick Allen, der wieder einmal Barfuß angetreten ist. Viele Union-Jacks in den projizierten Bildern sollen ihre britische Herkunft unterstreichen, wo sie ihre Zugehörigkeit der NWoBHM einst in Teilen verleugneten. Dagegen hält „Rock On“, ein Cover von David Essex, ihre unmetallischere Historie. Ein Song wie „Rocket“ zeigt nur allzu deutlich die songwriterische Stilistik der Band, dass straighter Fluss in der Rhythmik seltener Anwendung findet. Dass vom „Adrenalize“ Album das epischere „White Lightning“ folgt, begrüßen wir lautstark. Hammersong, Hammerplatte. Eins der besten Alben der Neunziger. Ganz im Gegensatz zu „Slang“, wovon sie den Titelsong spielen. Fast vergessen haben wir den Singlehit „Promises“. Sehr glatte Synthies hier, bis es über „Armageddon It“ und „Love Bites“ zu doch noch zwei Tracks vom „Pyromania“ Album geht, nämlich „Rock Of Ages“ und „Photograph“. Zu „When Love And Hate Collide“ finden wir uns schon im Zugabenblock wieder, wo ein riesiges, leuchtendes Dreieck aus den Lichttraversen bis auf die Bühne niedergelassen wird und das Bassintro zu „Hysteria“ bei Rückkopplungen erklingt. Das Dreieck wird wieder hochgezogen und der Späthit „Pour Some Sugar On Me“ folgt zum Schluss. Bei diesem Radio Bob Dauerbrenner singt die ganze Halle mit und markiert um 22:44 Uhr den Schlusspunkt der Show, zu dem im Back ein Abspann mit allen Beteiligten Namen wie nach einem Film von unten nach oben durchläuft. Unterm Strich bleiben gute Erinnerungen an dieses Konzert, auch wenn uns Songs wie „Let It Go“, „Women“, „Run Riot“, „Tear It Down“, „She’s Too Tough“, „Ride Into The Sun“, „Paper Sun“ und das oben bereits genannte „Too Late For Love“ gefehlt haben und schmerzlich vermisst wurden.

Autor & Pics: Joxe Schaefer