Heavy Sound Festival

Poperinge (B), Maeke Blyde, 16.05.2026


Im März 2026 verstarb mit Ross The Boss einer der beliebtesten Metal Gitarristen. Da waren die Veranstalter des Heavy Sound Festivals gefordert, einen Headlinerersatz ins Billing zu bekommen. Der wurde glücklicherweise mit Lee Aaron gefunden, doch zunächst einmal starten die Franzosen von Existance als opening Act, die gerade ihr fünftes Album mit dem Titel „Wildfire“ raus haben, bevor eine definitiv nicht uninteressante Reihe von altbritischen Bands das Programm gestalten. Der Vierer zockt mit munterer Performance klassischen Metal mit einer leicht modernen Note. Die Halle ist für 02:00 Uhr am Nachmittag schon gut gefüllt, doch die Menge noch recht bewegungsarm. Obwohl Songs wie „Black Viper“ von ihrem zweiten Album und „Brighter Days“ vom neuen echt Laune machen, während Funken- und Rauchsäulen bis durch die Lichttraverse schießen. „Love Affair“ kann als letzter Song mit seinem Riff gleich Hey-Rufe bekommen, und nach immerhin einer Stunde, eine stattliche Spielzeit für einen Opener, beenden sie ihren Set mit Dampf und Punch.


Dass im Billing einige coole, britische Bands die Fans nach Poperinge gelockt haben, ist ein großen Lob an die Veranstalter wert. Mit dem Fünfer von Elixir kommt nun die erste NWoBHM Band heute auf die Bretter. Sie gingen im Jahre 1983 an den Start und veröffentlichten 1984 ihr erstes Demo. Das war das Jahr, in dem Metallica hier drei Mal zu Gast waren, steht auch auf dem Gedenkstein vor der Halle. Die Jungs haben reichlich Merch dabei, darunter auch Vinyl. In der jüngeren Vergangenheit haben wir die Band leider noch nicht live gesehen, obwohl sie in unserer Gegend einige Male unterwegs waren. Und dann haben sie noch ihren breit bratenden Sound von zwei Gitarren, der zu jener Bewegung voll angemessen fett passt und einfach nur genial ist. Das kommt echt gewaltig und erzeugt viel Gebange bei den Fans, je nach Altersdurchschnitt. Denn bei den ‚Jüngeren‘ genügt auch zustimmendes Kopfnicken, hehe. Noch, denn auch sehr gute Soundverhältnisse und Songs wie „Light In Your Heart“ oder „Children Of Tomorrow“ beheben eine anfangs noch vorhandene Statik in den Gliedmaßen der Anwesenden. Sehr geiler Auftritt, der gut fünfundfünfzig Minuten richtig Bock gemacht hat. So kann es weitergehen!


Auch im Lager von Tytan gab es einen Todesfall zu beklagen, denn aufgrund einer Krebserkrankung verließ Kevin Riddles Mitte letzten Jahres diese Welt. Dieser hatte sich zuletzt auch mit Kev Riddles‘ Baphomet noch einmal einen Namen gemacht und zog mit den alten Angel Witch Songs über die Bühnen, seiner Band vor Tytan. Und eben diese Tytan denken gar nicht ans Aufhören und haben sich inzwischen neu besetzt. Am Bass steht jetzt Julian Hill von ex-Steve Grimmet’s Grim Reaper und am Mikro ex-Witchfynde, ex-Overlorde und ex-Kev Riddles‘ Baphomet Mark Hale mit hellerer Singstimme. Außerdem hat Kev’s Witwe Juli das Merch übernommen und ist heute dabei. Durch Songs wie „Fight The Fight“ und „Money For Love“ kommen die Briten gut in Fahrt. Alle drei Frontleute bringen eine sehr agile Show, als bekämen sie Kilometergeld. Mark lässt nur die Frauen in der Halle schreien und widmet einer besonders laut kreischenden Gruppe Mädels „Women On The Frontline“. Nach  „Catch The Fallen“ folgt eine lange Ansage für Kev, die an niemandem hier spurlos vorbei geht. Auch das Grim Reaper Cover „See You In Hell“ schweißt noch einmal alle zusammen.


Heute bekommen alle Bands stattliche Spielzeiten von mindestens einer Stunde. Da kann niemand behaupten, verheizt worden zu sein. Mal sehen, wie die Damen von Girlschool damit umgehen, denn wir haben sie bislang noch nicht länger als eine Stunde live gesehen. Es dauert etwas, bis sie anfangen, und so voll wie jetzt war es heute noch nicht in der Halle. Das Intro erklingt und mit „Demolition Boys“ geht es los, leider noch von Rückkopplungen durchzogen. Deutlich verlängert haut Denise das Trommelintro von „C‘mon Lets Go“, dann geht es einen Gang runter ins Midtempo mit „The Hunter“ und „Hit And Run“, die nach Aussage von Kim bereits 46 Jahre auf dem Buckel haben. Dann folgt eine Überraschung, denn mit „Guilty As Sin“ haben sie endlich mal einen Track in der Playlist, der neuer als 1981 ist. Und davon haben die Damen so einige live potentiell taugliche, die wir aber sonst live noch nicht zu hören bekommen haben. Wir sind jetzt sehr froh, live auch mal neueres Material serviert zu bekommen. Dann wieder altes Material mit „Future Flash“, „Kick It Down“ und „Nothing To Lose“. In letztgenanntem Track stiftet Jackie Mitsingspiele an, zu denen auch Bassistin Olivia animiert. Eine weitere Überraschung steht nun durch „It Is What It Is“ von neuen Album an. Großartig. Wir können gar nicht erklären, wie geil das ist, heute auch mal neuere Tracks live zu hören. Aber bevor wir uns wiederholen, folgt unser Favorit „Screaming Blue Murder“ aus 1982. Zu „Take It All Away“ geht Jackie mit dem Mikrofon in den Fotograben und lässt die erste Reihe einem nach dem anderen mitsingen. Wir könnten schwören, unser Kumpel hat „Take Her All The Way“ gegrölt, haha. Mit „Race With The Devil“, „Bomber“, und „Emergency“ gehen die Damen über die Ziellinie. Letztendlich waren es zehn Tracks von den ersten beiden, der Titeltrack vom dritten, das Motörhead-Cover, plus zwei neuere von den letzten beiden Alben. Außerdem haben Girlschool es auf fünfundsechzig Minuten geschafft, und es war allein schon songtechnisch ihr bester Auftritt seit langem. Super Dingen!


Im krassen Gegensatz zur gerade erlebten Show bekommen wir nun Grunge Songs als Pausenmusik serviert. Keine Ahnung, welcher Verantwortliche da so rücksichtslos seine Identitätskrise offenbart, denn wir sind grad inmitten einer NWoBHM Feier. Na gut, die Pausenbeschallung haben wir überlebt, jetzt übernehmen Raven das musikalische Entertainment. Sie sind eines der Flaggschiffe der Bewegung und noch immer sehr aktiv. Die beiden Gallagher-Brüder wechseln wohl mal von Zeit zu Zeit ihren Schlagzeuger, aber im Moment ist es der bereits seit acht Jahren an Board befindliche Mike Heller. Shouter John tritt heute mal nicht mit seinem roten Bass an, aber auf Showelemente wie über den Köpfen gekreuzte Instrumentenhälse wird nicht verzichtet. Das Trio verbreitet Chaos, nimmt mit „Hell Patrol“ und „The Power“ richtig Fahrt auf und schiebt dermaßen die erwartete  Panik, dass nach „Surf The Tsunami“ ‚Raven‘-Rufe folgen. „All For One“ kommt mit kleinem Fechtduell; was los machen können sie ja. Nach „Rock Until You Drop“ folgt Marks kurzes Gitarrensolo und John kehrt zu „Faster Than The Speed Of Light“ nun doch noch mit seinem roten Bass zurück. Gegen Ende bekommen wir noch Songs wie „All Hells Breaking Lose“ und „On And On“ auf die Fresse. Aber auf unser Fave „Ballad Of Marshall Stack“ warten wir noch immer, dass die B-Seite der 83er „All For One“ Single irgendwann mal gespielt wird. War heute aber mal einer der besseren Gigs der Band, definitiv! Jetzt schnell noch am Merch das Elixir Vinyl abgreifen, bevor die Band alles wieder einpackt und abbaut.


Ziemlich oft haben wir die nächste Band in der jüngeren Vergangenheit live sehen dürfen. Angel Witch lassen sich aber zunächst noch ein paar Minuten Zeit und stimmen erstmal die Instrumente, bevor sie loslegen. Zwar liegen wir pünktlich im Zeitplan, doch ihr Intro wird fünf Minuten später abgespielt, bevor man mit „Atlantis“ einsteigt. Ein paar kleine Guitar-Tech Probleme werden zu erdigem Sound bei hören- und sehenswert inbrünstig dargebrachten Songs wie „White Witch“, „Into The Dark“ und „Confused“ kaum bemerkt. Der Punch kommt also und schon jetzt darf festgestellt werden, dass die Altbriten ein absolut würdiger Co-Headliner sind. Dann werfen sie uns „The Sorceress“ zum Fressen vor, wo der Wiedereinstieg nach dem Mittelpart ordentlich mitreißt. Klare Antwort darauf sind „Angel Witch“-Rufe, bevor unser Favorit „Dead Sea Scrolls“ folgt und noch mehr Applaus verursacht. Mit Erschrecken muss zu „The Night Is Calling“ festgestellt werden, dass die jüngste Scheibe „Angel Of Light“ nun auch schon wieder sieben Jahre alt ist. Mit dem Anlass angemessener Ansage zum Kev Riddles Song „Dr. Phibes“ folgt noch „Angel Of Death“, bevor es mit dem „Baphomet“-Solo nahtlos in das Anthem „Angel Witch“ übergeht. Die Begeisterung der Menge äußert sich in den Chorus-Gesängen des Tracks, die nach Beendigung des Gigs noch lange weiter gesungen werden. Doch warum die Halle nicht so voll war wie bei der Band zuvor, bleibt uns nach den dreiundsiebzig Minuten bei der gebotenen Qualität absolut rätselhaft. Zu keinem Ergebnis haben auch unsere Überlegungen geführt, warum bei Preisen aller Getränke von drei Euro und keinen Auszahlungen von Restwerten auf den Karten nicht gleich passende Getränkekarten verkauft werden. Weil wir wissen ja alle genau, dass kein Wert der Getränkekarten von 10, 20 oder 50 Euro durch drei teilbar ist…

Weniger verarscht werden wir kurz vor dem Headliner. Denn auf einem auf der Bühnenleinwand gezeigten Kurzfilm mit einer Ansage von Metallica, die sich noch glaubhaft rüberkommend an dieses Festival hier erinnern, folgt Applaus der Audienz. Na klar, schließlich steht draußen vor der Halle die Gedenkskulptur einer Explorer, wie die von Hetfield.


Bis kurz nach Mitternacht ist die Spannung sehr hoch, wie der Headliner sich nun präsentieren wird. Noch nie haben wir Lee Aaron live gesehen, deswegen mussten wir das ja mal irgendwann nachholen. Die Kanadierin ist also einer der Hauptgründe unserer Anreise und um es vorweg zu nehmen, wir werden nicht enttäuscht nach Hause fahren. Ein Oldschool-Set ist angekündigt, der jedoch hauptsächlich Songs bis in die Neunziger beinhaltet. Ohne groß ein Intro abzuspielen, stellt sich Karen Lynn Greening mit ihrem wohl bekanntesten, hier jedoch leider gekürzten Song „Metal Queen“ vor, als wüssten wir gar nicht, was sie unter dem Lee Aaron Banner seit den frühen Achtzigern geschaffen hat. Die Dreiundsechzigjährige spielt zu erforderlichen Tracks zusätzlich die zweite Gitarre und performt sehr agil, dass bereits zum zweiten Song „Hot To Be Rocked“ mitgeklatscht wird. Die Band aus Vancouver lässt es mitten in „Powerline“ zu „Lady Of The Darkest Night“ übergehen und durch das Medley befürchten wir, dass die Hits in ihrem Programm, um jeden in der vorgesehenen Spielzeit berücksichtigen zu können, nun alle gekürzt werden. Doch dem ist glücklicherweise nicht so. Zur Gitarre greift die bewegungsfreudige Frontdame wieder bei „Fire And Gasoline“. Zur Freude aller darf bemerkt werden, sie ist absolut fit und sehr gut bei Stimme, brüllt aber weniger mit ihren raueren Vocals. Sicherlich geizt die damalige Titeldame eines amerikanischen OUI in ihrem luftigen Outfit nicht mit Reizen, dass man über den Köpfen die ganze Zeit in reichlich Handybildschirme schaut. Bei „Hands On“ und „Steal Away Your Love“ fällt uns dann auf, die markanten Hooks durch die auf Platte bekannten, zackigen Drums kommen wie plan geschliffen. „Shake It Up“ und das eher als Zugabe erwartete „Deceiver“ wurden schon mittig im Set platziert. Witzig ist, dies sei nebenbei noch angemerkt, dass der größte Hüne in der Menge auch die höchste Perücke trägt, immer ganz vorn mittig steht und uns das Blickfeld deutlich einschränkt. Weiter im Programm treffen uns „Some Girls Do“, „Sex With Love“ und eine Gänsehaut-Hammerversion von „Barely Holding On“ tief. Erst jetzt die erste Ballade, das durfte bei einem rockigeren Act mit so einigen davon vorher auch nicht erwartet werden. Das wäre sogar noch besser gekommen, wenn ihr Gitarrist sich im Solo an das Original gehalten hätte. Unsere favorisierte Sängerin unterstützt noch einmal an den Saiten zu „Rock Bottom Revolution“ und stellt noch ihre Band vor, in der ihr Lebensgefährte John trommelt. Leider ist es in der Halle, nach „Watcha Do To My Body“ festgestellt, schon etwas leer geworden und wir dürfen an dieser Stelle anführen, dass es heute bei Girlschool und Raven am vollsten war. Die Zeit für die Sets der Bands waren auch alle nicht zu knapp bemessen, da wäre möglicherweise weniger mehr gewesen. Kurz vor Schluss sind wir alle sehr froh, dass wir das Oberdingen von Song „Metal Queen“ noch einmal bekommen, und zwar komplett und mit fettem Finale. Als Zugabe hat man sich etwas ganz besonderes ausgedacht, nämlich den Blues „I’m A Woman“ von ihrem 2018er Album „Diamond Baby Blues“, im Original von Koko Taylor. Kennt hier kaum ein Schwein, klingt auch völlig untypisch für Lee Aaron. Macht aber dennoch Laune und führt uns alle nach guten fünfundsiebzig Minuten, die das Chronometer gemessen hat, über die Ziellinie. Völlig unpassend nach einem solch coolem Konzerttag der inzwischen eingesetzte Regen, welcher uns auf dem Heimweg begleitet.

Autor: Joxe Schaefer
Pics: Stefan Knoepker, Joxe Schaefer