Iron Fest

Schönenberg–Kübelberg, 01.06.2023 – 03.06.2023


Tag 1: Donnerstag, 01.06.2023: Savage Blood, Kryptos, Stop Stop, Crystal Viper

Wer schon früh angereist ist, konnte auf der gegenüberliegenden Seite des Sees den Soundcheck mitverfolgen, wo alles klar und deutlich hörbar war. Das Festivalgelände liegt malerisch am Ohmbachsee, eine der schönsten Areas für Metalfestivals überhaupt. Savage Blood haben wir zuletzt in Andernach auf dem Ironhammer gesehen und wir dürfen feststellen, dass der Livequalitätsfaktor noch einmal gestiegen ist. Die komplett in Schwarz Gekleideten können die ersten Fans vor der Bühne versammeln, wo noch deftig die Abendsonne scheint. Mit ihrem erdigen oldschool Metal jetzt genau das Richtige für uns, dieses Event zu eröffnen. Mit dem Rücken zum See liefern die Osnabrücker ab und ihr Anthem kommt schon als zweites. Sänger Peter gibt sich obersympathisch und spricht unabgehobene Ansagen, als würde der Tresennachbar in der Dorfkneipe mit uns sprechen. Die neue Platte wäre wohl schon komplett fertig und kommt hoffentlich bald raus. Wird auch Zeit, denn der Vorgänger „Downfall“ hat schon drei Jahre auf dem Buckel. Das kommt alles sehr gut an, ebenso auch das Acting mit Neubasser Michael, der sich offenkundig schon ziemlich gut eingefügt hat. Und ehe wir uns versehen, sind die vierzig Minuten um und dem Fünfer wird anständig Applaus gespendet.


Weiter im Programm geht es mit Kryptos. Zum ersten Mal gesehen haben wir die Inder auf dem Headbangers Open Air, als sie noch ihre grandiose „The Coils Of Apollyon“ Scheibe draußen hatten. Damals lagen sie musikalisch noch sehr nach am Thrash Metal, was uns sehr gut gefiel. Danach wurden sie auf ihren Studioalben etwas reinmetallischer und leider auch austauschbarer. Doch live bringen sie immer den Hammer, wie wir in jüngerer Zeit in Moers und in Essen erleben durften. So und nicht anders ist das heute auch hier am Ohmbachsee und wir werden Zeuge, wie häufig und flink die Bühnenseiten gewechselt werden, ein Gros der Aktionen geht auf das Konto von Basser Vasu. Der Mann ist wohl neu, ersetzt Ganesh und spielt sonst bei Amorphia, einer Thrashband aus Indien. Shouter Nolan sagt das Titelstück ihres aktuellen Albums „Force Of Danger“ an, und das stampft und lässt fistraisen. Natürlich folgt danach direkt Speed und es geht ein Ruck durch die Menge. Interessant auch der Festivalground mit Sonne unten vor der Bühne, und Schatten dahinter auf einer kleinen Anhöhe unter einem Baum. Völlig egal wo, die Arme gehen überall hoch. Da bleibt uns nichts anderes übrig, als den Indern einen Arbeitssieg zu bescheinigen. Sie waren für viele heute die Band des Tages!


Wenn eine Band Stop Stop heißt, packt man sie in Gedanken gleich in die Poserecke. Wie sich herausstellt, sieht das optisch auch in etwa so aus, denn durch die Megamähnenperrücke vom Drummer, dem neongelben Stirnband von Neugitarrist Dennis und der weißen Schminke von Shouter und Bassist Jacob, wo nur noch der Stern zum Vergleich mit Paul Stanley fehlt, arbeiten die Briten gerne mit Übertreibungen. Musikalisch rockt ihr hardrockiges Material aber wie AC/DC. Der Bandname stammt übrigens von dem gewohnten Ausspruch der Polizei, wenn sie damals die Band beim Musizieren auf der Straße angetroffen hat. Glauben wir sofort, bei der an den Tag gelegten Selbstironie. Das Trio rockt wie Sau, bewegt sich über die ganze Bühnenbreite, spult die Palette aller Posen runter, wackelt mit den Hüften und interagiert mit der Audienz. Das ist alles schon mehr als bloß solide und die Audienz zappelt mit. Zum Schluss begibt sich die Band in Publikum, spielt dort weiter, fällt mit den letzten Takten und bleibt dort liegen. Ein solches Finale haben wir in dieser Form auch noch nicht gesehen. Klasse Auftritt und wenn man nichts erwartet hat, kann man ganz schön positiv überrascht werden. Vielen Dank dafür!


Mal sehen, wie uns Crystal Viper überraschen. Nach Marthas Krankheit haben wir die Band noch nicht wieder live gesehen und wir sind gespannt. Die Meute vor der Bühne steht zwar quantitativ nicht so dicht gedrängt wie bei Kryptos, doch dafür handelt es sich um die Die-Hard Fans der Band. Optisch alles in Schwarz-Weiß gehalten, bekommen wir ein sehr agiles Acting präsentiert. Besonders Martha wirkt sehr sportlich, wirft die Haare, rennt rum und hält den Hals ihres Tieftöners in die Menge, aber steht niemals still. Auch gesangstechnisch kann sie mehr, kriegt alle Höhen perfekt und singt noch filigraner als auf Platte. Für die Action eine auffällig überperfekte Gesangsleistung … Sie kündigt „Metal Nation“ als ihren wichtigsten Song an, dirigiert die Menge vor der Bühne und das Mitsingspiel funktioniert. Es wird fünf Minuten überzogen, was die Menge mit Applaus dankt. Somit geht der erste Festivaltag zu Ende und wir dürfen für den Heimweg noch einmal um den schönen See gehen, zum Licht des Vollmondes natürlich.


Tag 2, Freitag, 02.06.2023: Lutharo, Cobra Spell, Indian Nightmare, Stormzone, Rezet, Stallion, Ambush, Artillery, Angel Dust.

Die erste Band des heutigen Festivaltages nennt sich Lutharo und lässt vorab ein Intro mit Glocke und Geigen abspielen. Doch schnell wird klar, die Kanadier verwenden gerne Intros, und wenn mal keins, dann erklingen zwischen den Songs Synthies im Back. Shouterin Krista singt und brüllt, wird aber stimmlich in den Höhen recht dünn. Der Vierer bringt auf jeden Fall eine amtliche Kante gleich zur Eröffnung des zweiten Tages. Bei „Blood Lightning“ wird mal ein Doublebassteppich untergelegt, oder es werden mal akustische Gitarrenklänge gebracht. Insgesamt wirkt alles recht modern, einstudiert und unspontan, aber dennoch werden diese Akteure nach ihren vierzig Minuten bei sonnigen Temperaturen an diesem frühen Nachmittag schon mal mit Anstandsapplaus bedacht.


Im Fotograben wird es jetzt voll, wahrscheinlich gibt es gleich etwas zu sehen. Cobra Spell fangen etwas später an als geplant, dafür bleiben sie nicht so lange. Aber dazu gleich mehr. Jedenfalls ist bei den Damen erkennbar, dass bereits Sommer ausgerufen wurde, gemessen an ihrer luftiger Bekleidung. Ihr hardrockiger Metal kommt soundmäßig frisch im angenehm altbackenem Sound echt rüber. Der ultimative Schmiss fehlt etwas, doch durch den organischen Sound mit viel Basswärme, den der Fünfer bringt, wirkt alles wesentlich organischer als bei der Band zuvor. Bereits nach drei Songs kommt das erste ausgiebige Gitarrensolo, dann spielen sie schnell noch „Animal (F**k Like A Beast)“ von W.A.S.P. und verabschieden sich schon nach schlappen dreißig Minuten. Das war was für Auge und Ohr, aber hätte definitiv mehr sein dürfen. Na ja, Schade!


Also mal ganz ehrlich, diese verschissene Pandemie hatte tatsächlich auch ein paar Vorteile. Unvergessen zum Beispiel das Indian Nightmare Konzert in der Küche unseres Hamburger Kumpels. Es hatte ja alles geschlossen, da mussten andere Mittel und Wege gefunden werden. Das hat die Band auch, denn ihr Gig wurde gestreamt, und wir bangten mit vollem Bauch und zu Dosenbier zwischen dem Herd und dem Screen. Das ist jetzt ein paar Tage her, und bei dem Fünfer wurde inzwischen der Sänger ausgetauscht. Der mehr oder weniger fest dabei seiende Alban von Travellin Jack macht auch vorn weg im Soundcheck schon sympathische Ansagen und erklärt, heute Nacht den See leerzutrinken, wenn da genug Alkohol drin wäre. Der Gig danach verläuft mehr als solide und führt vor Augen, was für eine coole Liveband die Jungs noch immer sind. Vom Sound her sicher nicht gewöhnlich, und optisch sowieso schon mal gar nicht, sind wir sehr froh, dass die multinationale Truppe am heutigen Tage das Gewöhnlichere etwas aufbrechen, ohne sich in irgendeine Richtung anzubiedern, und dementsprechend satt fällt auch der Applaus aus. Alle Daumen hoch!


Von allen Bands auf diesem Planeten, die sich den Namen Stormzone gegeben haben, sind dies hier die metallischen Hardrocker aus Belfast. Was uns zuerst auffällt, Shouter John, übrigens ex-Sweet Savage, hat die Haare ab. Keine Ahnung wie lange schon, aber auf dem Ironhammer Festival 2020 waren sie jedenfalls noch dran. Aber viel wichtiger ist, die Energie der Band, die uns auf der Warm-up Party zum Brofest, entgegengebracht wurde, das war auch im Jahr 2020, ist hier in Schönenberg-Kübelberg noch immer vorhanden. Im rhythmischen „Another Rainy Night“ (kein Cover von Queensryche) fällt auf, wie tight hier gespielt wird. Und auch schön laut knapp unterhalb der grad noch erlaubten 100 Dezibel. Also stimmt hier alles, deswegen ist es um so verwunderlicher, dass vom Soundmann aus gesehen grad viel zu wenig Leute vor der Bühne abrocken. John bedankt sich mit einen Lächeln dafür, dass hier ihre Musik akzeptiert wird und widmet seinem heute daheim den dreiundachtzigsten Geburtstag feiernden Vater „Coming Home“. Nicht nur wegen dem geilen Xentrix-Shirt des Gitarristen muss der Fünfereinheit ein absoluter Arbeitssieg bescheinigt werden, weil gegen Ende mehr Leute als vorher vor der Stage stehen. Das war ihr bester Gig, den wir von ihnen gesehen haben. Das sieht das Publikum auch so und wir hören Rufe nach Zugabe. Klasse Ding!


Obwohl jetzt endlich mal Thrash angesagt ist und wir endlich wir mal wieder Rezet sehen können, wären wir doch beinahe zu spät vor der Bühne erschienen, weil wir wegen eines Shirtkaufs an ihrem Merch, komischerweise diesmal bevor wir den Gig gesehen haben, fast den Start verquatscht hätten. Aber das „Deal With It“ Leibchen muss noch schnell eingesackt werden, bevor die letzten Exemplare ausverkauft sind. Aktuell ist aber noch das „Truth In Between“ Album, das in Teilen der Redaktion abgefeiert wird. Die Schleswiger mit Linksgitarre ihres sympathischen Frontmanns legen amtlich auf und rupfen ihre Riffs tight runter. Die Menge macht mit und wird von dem Vierer aus dem nördlichen Norden der Republik gepackt. Demnächst übrigens auf Tour mit Blind Illusion und Traitor!


Der erste Oberzünder des heutigen Tages kommt aber erst jetzt, auch wenn vorweg aus den Boxen Rap ertönt. Zum Glück sind Stallion hier und „No Mercy“ ist auch genau das Speed Metal Brett, das wir jetzt brauchen. Die Menge dreht komplett ab. Danach folgen zwar ein paar akustische Töne, bevor dann wieder das Vollspeedbrett mit „Underground Society“ vorgegeben wird. Dazu wird auf Zeichen ihres Bassers ein Circle Pit angestimmt, dann haben wir nochmal „Kill Fascists“ bekommen. Zu „Rise And Ride“ fliegt Paulis Jacke weg und der Wahnsinn geht weiter. Dann noch das unverzichtbare „Canadian Steel“ und auf einmal sind vierzig Minuten um. Da fällt auf, man kann doch so eine Band auf so einem Festival nicht mit einer so kurzen Spielzeit abfertigen, das geht doch nicht! So voll vor der Bühne und mit so vielen Armen hoch gab es bis jetzt auf dem Festival noch nicht. So haben wir eben einen Hammergig mit nur Vollgas im Dauerfeuer bekommen, weil kurzerhand die langsameren Nummern rausgestrichen wurden, um die Setlist zu kürzen. Da muss jetzt erst mal noch jemand mithalten.


Die sind nicht unterm Baum, die sind Ambush! Haha, der musste jetzt sein. Humor ist auch, wenn ab jetzt nur noch Bands mit dem Anfangsbuchstaben A auftreten. Diese Schweden machen sofort Attacke und Shouter Oskar springt auf die vordersten Boxen im Fotograben und mir direkt vor die Linse. Was ich da auf einmal fotografiert habe, möchte ich jetzt nicht beschreiben. Die optimal aufgeheizte Meute ist am Start und macht weiter wie zuvor, auch wenn Ambush naturgemäß nicht so ganz an der obersten Speedkante kratzen wie gerade Stallion. Nach „Master Of The Seas“, aber spätestens zu „Hellbiter“ müssen Ambush als most Synchronbanging Band geehrt werden. Möglicherweise müssen die das gar nicht mehr einstudieren, die können das schon von ganz alleine. Kurz vor dem erwarteten „Natural Born Killers“ wird „Princess Of The Dawn“ angespielt, die Mutter von massig viel Synchrongepose. Aber erst nach anständig absolviertem Mitsingspiel seitens Drummer Linus mit dem Publikum hat es sich nach seiner Aussage noch einen Song verdient. Na, geht doch.


Die nächsten Gäste kommen aus Dänemark und werden im Genre Thrash geführt. Artillery mussten nicht nur Todesfälle wegstecken, sondern auch immer wieder viel Kritik der Fans, die den Sound ihrer ersten drei grandiosen Alben „Fear Of Tomorrow“, „Terror Squad“ und „By Inheritance“ vermissen. Das war als Opener auf der Vio-Lence Tour mit Whiplash und Xentrix schon interessant, mal sehen, wie das heute auf diesem metallischeren Festival fluppt. Neueres Material wie „10.000 Devils“ findet natürlich dennoch den Weg in die Setlist, ein Song, der auch gar nicht so verkehrt rüberkommt. Auch nicht ihr Shouter mit seiner benieteten Kopfsocke und schon gar nicht der nahezu ständig mit dem Publikum interagierende Gitarrist Michael. Mit dem Klassiker „Deeds Of Darkness“ kratzen sie die Kurve und hinterlassen eine zufriedene Menge. Diesen Schnappschuss gelang übrigens fleißig unser Mitarbeiter Janosch!


Bei Angel Dust spalten sich die Fans in zwei Lager, von dem eins nur auf die ersten beiden Alben steht. Darauf wird sich aber heute nicht beschränkt, zumal noch ein Keyboard mit auf der Bühne steht. Dagegen sollen Gips, Krankenhausaufenthalte und Spritzen dafür verantwortlich sein, dass zur Erleichterung Barhocker mit auf der Bühne stehen. Sänger Dirk agiert mit und ohne Gitarre und „(Lonely) Nightmare“ erkenne ich wieder, das lief bei uns damals immer in der Rockdisco. Allerdings wurde für den heutigen Headliner schlecht und schwach beleuchtet, dass man null erkennt, wer hinter der Schießbude sitzt. Das soll aber Dirk Assmuth sein, das letzte verbliebende Originalmitglied. Es soll wieder ein neues Album geben, das „Ghosts“ heißen soll und man serviert uns davon das Titelstück, das ist doch nett. Das hat zwar etwas von Pink Floyds „The Wall“, doch trotzdem setzen starke Abwanderungstendenzen ein. Aber nach dem Bandhit „Bleed“ hören wir noch deutliche Rufe nach Angel Dust, aber es muss pünktlich Schluss sein.


Tag 3, Samstag, 03.06.2023: Ravager, Liquid Steel, Herzel, Vulvarine, Riot City, Dust Bolt, Seven Sisters, Macbeth, Atlantean Kodex, Tygers Of Pan Tang

Auf in den dritten Festivaltag. Um Punkt 01:00 Uhr Mittag steigen Ravager in ihren Set ein und eröffnen mit zünftigem Thrash, damit die Belegschaft vor der Bühne gleich mal wach wird. Genau das richtige Zeug, um munter zu werden. So wie Rezet am Vortag die Menge gepackt hat, kriegen das die Niedersachsen mit ihrer Riffgewalt auch hin. Das erste Volk vor der Stage zappelt schon, also ist das alles okay. Dann helfen wir dem Detze Mann mal, Plakate für sein Festival aufzuhängen. Das findet ja schon in zwei Wochen statt. Währenddessen wird das Quintett zum Schluss hin gefühlt immer schneller. Zum Schmunzeln die Ansage: Heute um neun Uhr in der Früh hat der Wecker geklingelt…das Handy ist jetzt Schrott! So die Ansage zu „Alarm Clock Terror“ von ihrem ersten Album.


Kommt ja nicht von ungefähr, dass bei den Alpenrockern das jüngste Album „Mountains Of Madness“ heißt. Die Innsbrucker von Liquid Steel treten frisch und fröhlich auf. Basser Dominik hat ein Stallion Shirt abbekommen, die fand er gestern wohl auch klasse. Sänger Fabio rennt sehr viel rum und zum leisen Start von „Midnight Chaser“ bekommt er schon ein paar Mitklatscher aktiviert. Dass zwischendurch mal drei Gitarren zocken, fällt erstmal nur optisch auf. Fast so sehr wie die Rauchsäulen am Bühnenrand. Mit Melodie und Uptempo wollen die Tiroler die Besucher kriegen, darunter auch „Starrider“ vom „Midnight Chaser“ Album. Die ganz große Action bleibt in der prallen Mittagssonne noch aus. Schauen wir mal, was die nächsten Bands reißen.


Wenns Arscherl brummt, ists Herzel g’sund. So oder so ähnlich stand es früher auf Klosprüchen am Donnerbalken, doch das soll mit diesen Franzosen nicht viel zu tun haben. Live gesehen haben wir sie bislang noch nicht, da lassen wir uns mal überraschen. Ohne Backdrop angetreten, spielen sie mit ihrem epischeren und leadgetränkten Melodicmetal auf. Die  Gitarre rechts kommt metallisch gut, nur fängt schon der zweite Song mit Akustikgitarre an. Die Franzosen haben sogar eine eingefleischte Fanin, die hier besonders abrockt. Nur, dass ausgerechnet der mit dem Priest Shirt diese komische Bassklampfe spielen muss, lassen wir mal unbewertet. Insgesamt fühlen wir uns von ihrem Auftritt positiv überrascht. Das geht immer dann besonders gut, wenn man nichts erwartet. Zwar performten sie ohne viel Bewegung und standen meist nur auf ihrer Stelle, bekommen jedoch oberanständig Applaus. Da war das Publikum wohl begeistert.


Als klassischer Oldschoolmetaller hat man die Frauenband mit dem nicht unmutigen Namen Vulvarine nicht unbedingt auf dem Zettel. Die rock’n‘rollige Mischung mit Punk der Österreicherinnen, mit der Sängerin Suzy aus der Schweiz, gefällt allerdings schon und hat einen angenehm warmen Bassdruck. Als sie das sehr zu ihnen passende „Playing With Fire“ von den Runaways anspielen, wird es allerdings schon etwas vertrauter und wir kommen noch leichter rein. Sehenswert auch die Action auf der Bühne, da lässt sich die ein oder andere Gitarristin auch schon mal auf die Bühnenbretter fallen. Nett auch die Neonröhren in V-Form am Bühnenrand. Insgesamt haben wir zwar mehr Rock als Metal erlebt, doch wir werden uns den Fünfer beim nächsten Mal wieder beschauen.


Jetzt kommt für uns die Band, auf die wir uns am meisten gefreut haben und wir haben Grund, etwas zu erwarten. Die aufstrebenden Speed Kings von Riot City werden das Ding des Tages machen, was anderes geht gar nicht. Im Moment gehören sie zu den amtlichsten Abreißern im Genre und haben einen wahrlich grandiosen Sänger in ihren Reihen. Der zieht Gitarrist Roldan im Solo an den Haaren nach hinten und simuliert mit seinem Mikro einen Kehlenschnitt. Bereits zu den ersten Klängen dreht die Menge ab und bei „Warrior Of Time“ wird „On Our Way“ so massiv mitgegrölt, dass einem ganz anders wird. Nach einem Gitarrenwechsel und einem kurzen Drumsolo kommen die Kanadier mit dem neuen „Nightmare“ noch mal an die Oberspeedgrenze. Dann ist Ende, der Basser reißt seine Saiten raus und verschenkt sie ins gierige Publikum. Nur müssen wir feststellen, dass die Band des heutigen Tages wieder nur vierzig Minuten Spielzeit zur Verfügung hatte, wie gestern Stallion. Dafür verzeichnen wir in der Tat so einen Abriss des Tages, dass die folgenden Bands gefordert sein werden.


Jawoll, jetzt noch einmal Thrash Metal! Dust Bolt bringen ein weißes Backdrop
und sie kamen als Ersatz für die ausgefallenen Space Chaser, machen aber auch erstmal Tempo wie Sau. Letztendlich kommen sie ans Level der Band zuvor nicht ganz dran, das hätten Space Chaser besser gekonnt. Die Frage, wie oft man eine Telecaster im Thrash Metal sieht, haben wir schon einmal gestellt. Das war ebenfalls bei Dust Bolt, allerdings in Köln, und heute können wir wieder einmal davon Zeuge werden, ob dieses Arbeitsgerät in diesem Genre taugt.


Die nicht nach den Kreidefelsen in Sussex, sondern nach einer Gegend im nördlichen London benannten Seven Sisters rocken mit seichteren Tönen. Mastermind, Gitarrist und Sänger Kyle, der gerade erst mit seinem Projekt Phantom Spell viele Metaller erreichte, kommt mit dieser Band hier auch gut an. Irgendwas lockt viele Frauen in die ersten Reihen, die schon die Umbaupausenmusik der Ärzte mitgesungen haben. Es wird ganz schön voll vor der Bühne und es herrscht eine entspannte Stimmung. Nach einem Intro mit akustischer Gitarrenmusik folgen weiter hinten im Set beide Teile von „The Cauldron And The Cross“, was für die Fans immer ganz wichtig ist. Die Freunde von Riot City kommen zum Schluss noch mit auf die Bühne, aber um 20:00 Uhr musste dann doch Schluss sein.


Als nächstes haben die angekündigten Macbeth ihren Auftritt, und die machen ihr Ding an sich recht gut. Wir haben sie schon öfter live gesehen, und Härte und Ausdruck stimmen auch heute wieder. Nur ihre Lyrik muss man schon mögen. Es wird auf Deutsch gesungen, dadurch versteht man schon mal das ein oder andere Wort. Man muss an einem sonnigen Festivalabend schon Bock drauf haben, wo schon Riot City aufmischten und gerade die etwas seichteren Seven Sisters erfolgreich abgezogen sind, Schlagwörter wie Stalingrad Massengrab oder Aussagen wie Pommernland ist abgebrannt vor den Latz zu kriegen. Da empfanden wir grad das ein oder andere Fachgespräch an der Theke interessanter.


Interessant wird es jetzt auch wieder, aber auf der Bühne. Atlantean Kodex sind dran für ihren Co-Headliner Slot und ziehen so einige Fans nach vorne. Der Typ mit dem Motörhead-Shirt und den langen Haaren ist übrigens Sänger Markus Becker, nur für den Fall, ihn mit der Matte nicht gleich erkannt zu haben. Von seinen großen Gesten lassen sich die Fans optimal dirigieren; die getragene Stimmung kommt rüber und holt die allermeisten Fans ab. Dieser bedankt sich gleich und sagt „Sol Invictus“ an und wir wissen genau, gleich wird der Chorus besonders laut mitgesungen. Nur leider wurde das Stück etwas kürzer gespielt. Bei dem Fünfer wird fast alles mitgesungen und sehr passend zur hymnischen Stimmung kommt der Sonnenuntergang an der Bühnenseite. Mit ihrem Anthem „The Atlantean Kodex“ beschließen die Bayern ihren Auftritt nach gut einer Stunde.


Ganz sicher gehört die nächste und finale Band des Festivals nicht zu den Strategen, die in unseren Breiten an jeder Steckdose spielen. Ganz im Gegenteil, zumal wir sie zuletzt im Essener Turock und auf dem Rock Hard Festival 2019 gesehen haben. Dann sollten die Tygers Of Pan Tang auf dem Brofest in Newcastle spielen, was aber wegen der Pandemie nicht stattfand. Egal, denn wer das neue Album „Bloodlines“ schon gehört hat, ist dementsprechend gespannt auf ihren heutigen Auftritt im Headlinerslot. Die NWOBHM Legende, in der bloß noch Gitarrist Robb Weir Originalmitglied ist, zeigt sich hervorragend eingespielt und kommt mit dem alten Klopper „Euthanasia“ vom ersten Album 1980 sehr gut rein. Der Sound ist satt geil und knallt. Sänger Jacopo kommt wie immer mit Hemd und Weste, sagt „Paris By Air“ an. „Crazy Nights“ hat diesen Thin Lizzy Groove, bei dem es richtig Laune macht, dem Fünfer zuzusehen, wie jeder jeden Winkel ausnutzt. Dem Opener „Edge Of The World“ des neuen Albums folgen der Klassiker „Gangland“ und „Only The Brave“ vom selbstbetiteltem 2016er Album. Zeit für die Vorstellung zweier Neuigkeiten, den neuen Basser Huw Holding (u.a. ex-Avenger, ex-Blitzkrieg) und die gerade veröffentlichte Single „Back For Good“. Doch leider wurde kein „Spellbound“ gespielt, aber als Zugabe mal wieder das ziemlich unbeliebte und daher immer wieder kritisierte „Love Potion No. 1“ gebracht. Als ob die Tygers nicht genug gute Eigenkompositionen hätten. Dennoch ein grandioser Auftritt und ein würdiger Festivalabschluss. Schlussendlich bedanken wir uns für ein cooles Festival an einer der geilsten Locations in Deutschland, wo weitgehend trendfreier Heavy Metal aufspielt.

Autor & Pics: Joxe Schaefer