MIDNIGHT, CYCLONE, HIGH COMMAND

Essen, Turock, 04.04.2024


Manchmal kommt es anders, und zweitens als man denkt. Wo man an sich bloß zwei Türen weiter ein Feierabendbier trinken wollte, es aber noch Tickets für dieses Konzert nebenan gibt, finden wir uns auf einmal an der Theke des Turock wieder. Kurz vor der Tagesschauzeit wird ein Akustikgitarreníntro mit schauerhaft beschwörenden Gesängen abgespielt, dann betreten High Command die Bretter. Der Sänger hält ein Schwert hoch und ein Gitarrist trägt eine Sturmmaske, die dann aber alsbald abgelegt wird. Bei der musikalischen Einordnung sind die Requisiten keine Hilfe, im Vordergrund steht nämlich Thrash Metal, der sich auf eine ordentliche Kante der neueren Schule berufen darf. In jedem Song werden rhythmische Stampfsttacken gebracht, und an dieser Stelle macht es am meisten Laune. Der Fünfer macht jedenfalls so viel Stimmung, dass die ersten Reihen gar nicht anders können, als Mitzuzappeln. Die Einheit aus Massachusetts bekam auch zwei Circle Pits nach Aufforderung. Okay, nicht ganz unser Ding, aber schlecht ist auch was anderes. Zum Schluss nach fünfunddreißig Minuten reckt die halbe Halle die Arme nach oben, war also ein gelungener Opener des Abends.


Dann wird es etwas anders. Erstmal spielen Cyclone ihr Intro selbst .. geiler Scheiß und zigmal besser, als wenn es ein Einspieler aus dem Back gewesen wäre. Drei Members des Fünfers tragen Kappe oder Mütze, liefern jedoch deftig, griffig und riffig im schnörkellosen Uptempo ab, dass modernere Eindrücke sonst nicht untermauert werden können. Tracks wie „In The Grip Of Evil“ zeigen einen wesentlich höheren Thrashfaktor, die Songs sind bereits um die vierzig Jahre alt, deswegen kommt das sehr gut an. Dieses Speedriffgekloppe sondergleichen macht mächtig Laune, auch wenn die Publikumsreaktionen spärlicher ausfallen als beim Opener. Wahrscheinlich liegt das am hauptsächlich „jüngeren“ Publikum, wer weiß das schon so genau? Shouter Guido Gevels ist Urmitglied der Belgier und hat ein paar Worte in unserer Sprache drauf: „Es freut uns hier zu spielen!“ Ein Fan aus den letzten Reihen verlangt noch nach dem Finaltrack des 1986er „Brutal Destruction“ Albums „Incest Love!“, worauf Guido entgegnet; „Did You Bring Your Sister With You?“ Ein sehr sympathischer Auftritt und am Merch wird ein Shirt abgegriffen. Vinyl war dort aber leider nicht vorrätig.


Die Uhren ticken hier in Essen ziemlich genau, denn um Punkt zehn Uhr ertönen die  Glockenschläge des Intros für den Headliner des heutigen Abends. Die drei Kapuzen von Midnight aus Cleveland eröffnen ihr Highspeedprogramm für Ohren und Augen, dass Bierbecher fliegen und ein paar Stagediver und Crowdsurfer auch. Der vordere Teil der Halle mischt sich selber durch, auch als „Expect Total Hell“, das beste Stück vom neuen Album „Hellish Expectations“, gezockt wird. Die drei Kapuzen ziehen lang vom Leder und die Mitmoshmenge vergrößert sich immer weiter bis in den rückwärtigen Bereich. Auch Crowdsurfer werden weiter nach hinten gereicht und frische Luft wird immer knapper im Saal. Ebenfalls vom neuen Album sorgt „Nuclear Savior“ für gute Stimmung, denn das sticht aus dem sonst recht gleichförmigen Sound mit seinem Chorus heraus. Und ehe wir uns versehen, wiederfährt uns schon „You Can‘t Stop Steel“. Jetzt wird gleich Schluss sein, denn die Wahnsinnigen aus Ohio spielen meist immer bloß eine Stunde. Shouter und Basser Athenar nimmt noch ein Bad an der Menge am vordersten Bühnenrand, bringt eine an Ketten aufgehangene Box in Pendelbewegung, Shakehands und Ende. Und das wieder sehr genau, denn es schlägt grad exakt 23:00 Uhr.

Autor & Pics: Joxe Schaefer